Moroder-Musical in Bozen: Magische Nächte in der Disco von morgen

Giorgio Moroder schrieb ein gutes Dutzend Welthits. Die Vereinigten Bühnen Bozen haben sie nun zum Musical verbunden.

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Ein große Party mit den Songs von Südtirols größtem Pop-Komponisten: Das Musical „I Feel Love“ kam am Freitagabend im Bozener Stadttheater zur Uraufführung.
© Sebastian/VBB

Bozen –Das Prinzip hat sich bereits bewährt. Bei „Mamma Mia!“ zum Beispiel. Oder – etwas naheliegender – bei „I am from Austria“. Die bekanntesten Ohrwürmer bekannter Ohrwurm-Erzeuger, wie ABBA eben oder Rainhard Fendrich, werden durch einen, wenn nicht plausiblen, dann wenigstens nachvollziehbaren Handlungsfaden zu einem Musical verbunden.

Nun hat auch der aus Gröden stammende Komponist und Songwriter Giorgio Moroder „sein“ Musical. Moroder, inzwischen 81, gilt als (Groß-)Vater von Disco oder Pate der modernen Tanzmusik. In den 1970er- und 80er-Jahren hat er mehr als ein Dutzend Welthits geschrieben. Er hat mit Donna Summer, Elton John, David Bowie und Blondie zusammengearbeitet, drei Oscars und vier Grammys gewonnen – und erlebt seit den 2010er-Jahren – Daft Punk sei Dank – eines der erstaunlichsten Comebacks der jüngeren Pophistorie.

Über die Bande spielt auch das Moroder-Musical „I Feel Love“, das am Freitagabend als Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen zur Uraufführung kam, mit Elementen dieser Geschichte. Librettist Stefan Vögel – Autor aktuell höchstpopulärer Konversations- und Eskalationsdramen, sein Stück „Die Niere“ wird ab Freitag im Tiroler Landestheater gespielt – hat Moroders bekannteste Lieder in eine Erzählung gewickelt, die von der Unbarmherzigkeit musikalischer Moden handelt. Sie beginnt in einem abgewirtschafteten Tanztempel – und mit dem Traum, den Geist und Glamour von Disco wiederzubeleben. Was, aber das dämmert Giulio (Martin Berger) erst nach und nach und nicht ohne fremde Hilfe, auch weiterentwickeln heißt. Das Stück und die Inszenierung von Andreas Gergen, aber auch Giulios Sohn Raffaele (Benjamin Oeser) sind schneller als der Altvordere: Schon im ersten Bild werden die Überbleibsel frivoler Disco-Freuden von vorgestern in Form überdimensionaler Frauenbeine von der Bühne (Jürgen Franz Kirner) geräumt. Disco von morgen muss mehr sein als alt gewordene Männerfantasien. Die Party der Zukunft ist diverser, fluider – in Geschlechter- und Liebesdingen genauso wie in Fragen des Geschmacks.

Für ihren Reanimationsversuch haben sich Giulio und Raffaele eine Combo aus aller Welt (Merle Hoch, Sebastian Smulders, Doris Warasin, Andreas Wolfram, Michael Souschek, Peter Lewys Preston, Jil Clesse, Ariane Swoboda) zusammengecastet. Als „Disco Piraten“ sollen sie auf Beutezug gehen. Bis das gelingt, gilt es Herz- und Uhrendiebstähle aufzulösen. Alte Rechnungen wollen beglichen, die eine oder andere Kränkung beweint und manches Missverständnis aufgeklärt werden. Das ist bisweilen etwas albern – aber eben auch ziemlich egal. Letztlich dienen die Verwinklungen des Plots vorrangig dazu, halbwegs sinnstiftend den nächsten Song einzuleiten. Und die sind großartig. Ein dem Volkstümelndem entflohenes Pärchen besingt seine „NeverEnding Story“, eine frühere Liebe erinnert die magischen Nächte einer „Estate Italiana“, bei „Danger Zone“ wird’s bedrohlich, „Hand in Hand“ gibt es erste Annäherungen, die im furiosen „Together In Electric Dreams“ zum Miteinander werden. Viel „Hot Stuff“ also.

Das Ensemble ist fraglos spielfreudig und stimmstark genug, um den Nummern eigene Noten abzutrotzen. Die Choreografien von Marcel Leemann spielen mit der Handlung angelegten Probensituation. Sie sind angenehm unsauber und mitunter mitreißend ungestüm.

Auch die Arrangements sind stimmig. Moroders Kompositionen bestechen nicht zuletzt durch ihre vordergründige Einfachheit. Das um eine Band erweiterte Haydn Orchester unter Stephen Lloyd spielt mit den eingängigsten Motiven, verzögert sie manchmal und peitscht dann weiter. So öffnet sich die Musik ins Flächige, schafft Raum für große Gesten, Emotion, Drama und etwas Kitsch. So wie es sich für eine große Party gehört. (jole)


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