Arbeitslose erstmals unter Vorkrisenniveau, mit Schulungen darüber

In der letzten Woche sind die Arbeitslosenzahlen in Österreich erneut gesunken. Aktuell sind somit 335.058 Personen ohne Job, was unter dem Niveau von 2019 liegt. Langzeitarbeitslosigkeit ist in Österreich überdurchschnittlich hoch.

  • Artikel
  • Diskussion
Aktuell sind in Österreich 335.058 Personen ohne Beschäftigung.
© thomas boehm

Wien – Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter: Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen (ohne Schulungsteilnehmer) hat erstmals seit Beginn der Krise das Niveau der Vergleichswoche von 2019 vor der Coronakrise unterschritten. Mit 268.028 beim AMS gemeldeten arbeitslosen Personen gibt es um 1.129 Arbeitslose weniger als 2019, teilt das Arbeitsministerium mit. Nimmt man alle Arbeitslosen inklusive Schulungsteilnehmer, ist die Gesamtzahl mit 335.058 (2021) immer noch höher als 2019 mit 329.083.

Derzeit gibt es 67.030 Schulungsteilnehmer, in der Vergleichswoche 2019 waren es 59.926 Personen in Schulungen.

Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb der letzten Woche um rund 4.600 Personen gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr 2020, das noch stärker von der Coronakrise geprägt war, sind derzeit um rund 78.200 Personen weniger beim AMS arbeitslos gemeldet.

Rekord an freien Jobs mit regionalen Unterschieden

Gleichzeitig gebe es mit rund 120.000 freien Jobs einen Rekord an offenen Stellen, allerdings mit regionalen Unterschieden: Während in Wien ein Stellenmangel vorherrscht, suchen Betriebe in vielen anderen Bundesländern verstärkt nach qualifizierten Arbeitskräften. Die Anmeldungen zur Kurzarbeit liegen derzeit bei 62.387, wobei jedoch die tatsächlichen monatlichen Abrechnungen entscheidend sind.

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Arbeitsminister Martin Kocher und Bundeskanzler Sebastian Kurz (beide ÖVP) zeigen sich in einer Aussendung erfreut übe die sinkenden Arbeitslosenzahlen. Die Maßnahmen der Bundesregierung hätten gewirkt, Österreich erhole sich schneller als erwartet von den Folgen der Weltwirtschaftskrise.

"Die Wirtschaft wächst weiter und wir müssen dafür sorgen, dass nun jene, die arbeiten können auch arbeiten gehen, die offenen Stellen besetzt werden und der Aufschwung bei allen ankommt", so Kurz. Für Kocher kam das Erreichen des Vorkrisenniveaus "weitaus schneller als ursprünglich erwartet". Jetzt konzentriere man sich weiter auf Qualifizierungsmaßnahmen und die Reduktion der Langzeitarbeitslosigkeit. Dazu werden in Kooperation mit dem AMS viele Jobbörsen veranstaltet. "Die Überwindung der Krise am Arbeitsmarkt zeigt zudem einmal mehr, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um einen Reformdialog zur Arbeitslosenversicherung Neu zu starten", so Kocher in der Aussendung.

Kocher rechnet mit Fortsetzung des Trends

Im "Ö1-Mittagsjournal" des ORF-Radio erklärte Kocher, besonders starke Rückgänge der Arbeitslosigkeit habe es im Handel, im Gesundheits- und Sozialwesen gegeben. In Wien sei der absolute Rückgang sehr groß, der relative Rückgang sei in Oberösterreich am größten. Er rechne mit einer Fortsetzung des Trends: Natürlich werde die Arbeitslosigkeit im Herbst wegen saisonaler Effekte leicht steigen, aber im Vergleich zu 2019 werde sie immer geringer werden.

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) fordert angesichts der hohen Zahl der Langzeitarbeitslosen die Fortführung der Aufstockung der Notstandshilfe, bis die Krise vorbei ist. Die Regelung würde sonst Ende September auslaufen. Viele Langzeitarbeitslose, besonders Ältere, werden von Unternehmen oft gar nicht mehr eingestellt, erklärt Ingrid Reischl, Leitende Sekretärin des ÖGB. Neben speziellen Qualifizierungsprogrammen für Langzeitarbeitslose brauche es auch Einstellungsprogramme für Unternehmen. Der ÖGB fordert, bei den Unternehmen anzusetzen, anstatt auf Arbeitssuchende "hinzuhauen" und sie als arbeitsunwillig darzustellen. "Die Menschen in dieser schwierigen Situation zusätzlich damit zu bestrafen, dass sie noch weniger als das Arbeitslosengeld bekommen, ist nicht nachvollziehbar."

Für den ÖVP-Wirtschaftsbund sind die aktuellen Arbeitsmarktzahlen ein Grund, seine Forderung nach einem degressiven Arbeitslosengeld und einer Änderung der Zuverdienstgrenze für Arbeitslose erneut anzubringen. "Dass die Arbeitsmarktlage wieder Vorkrisenniveau erreicht hat, zeigt deutlich, dass sich unsere Wirtschaft im Aufschwung befindet. Nun ist es umso wichtiger, diesen Aufschwung nicht durch fehlende Arbeitskräfte zu bremsen", so WB-Generalsekretär Kurt Egger. Mit diesen Reformen sollten möglichst viele Arbeitssuchende in Beschäftigung gebracht werden. "Es kann sich auf Dauer nicht ausgehen, dass wir einen Rekord an offenen Stellen verzeichnen und zeitgleich rund 270.000 Menschen arbeitslos sind."

Für die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) ist konsequente Vermittlung das Gebot der Stunde. "Mit deutlich mehr als 200.000 offenen Stellen auf der AMS Plattform 'Alle Jobs' gibt es schon fast so viele offene Stellen wie Arbeitslose," kommentiert WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf. Angesichts des steigenden Fachkräftemangels müsse man auch die "Beschäftigungsanreize" erhöhen. So sei etwa die Zuverdienstmöglichkeit während der Arbeitslosigkeit in vielen Fällen ein Hindernis für die Aufnahme einer regulären Beschäftigung. Auch müsse die Mobilität am Arbeitsmarkt deutlich gesteigert werden, etwa durch Ausbau der überregionalen Vermittlung und bessere Unterstützung für jene, die bereit sind, überregional einen Arbeitsplatz anzunehmen. Das gelte genauso für den Lehrstellenmarkt mit einem großen Ost-West-Gefälle: Österreichweit übersteigt die Zahl der offene Lehrstellen die Zahl der Lehrstellensuchenden per Ende August um 605. In Wien hingegen gibt es wesentlich mehr Lehrstellensuchende (3.500) als offene Lehrstellen (560). Das Vermittlungsprojekt b. mobile sollte ausgebaut werden.

Überdurchschnittlich viele Langzeitarbeitslose in Österreich

Derzeit läuft in Österreich eine Diskussion über eine Reform der Arbeitslosenunterstützung. Oft werden skandinavische Länder als Vorbilder angepriesen. Grundsätzlich ist der Kündigungsschutz in Skandinavien lockerer – man findet aber auch schneller in einen Job zurück. Die Unterstützung ist auf ersten Blick höher, alles inklusive aber nur wenig besser. Beim Vergleich sind aber sehr viele Faktoren zu berücksichtigen - von denen einige nicht so einfach zu übertragen sind.

Arbeitslose in Dänemark und Schweden finden schneller neuen Job

Skandinavische Länder, im Besonderen Dänemark, werden gerne als beispielhaft angepriesen. In Dänemark ist derzeit die Arbeitslosenrate niedriger als in Österreich, in Finnland und Schweden hingegen höher. Das alleine sei aber nicht aussagekräftig, sagt Lukas Lehner, der an der Universität Oxford über Arbeitsmarktthemen forscht. Auffällig sei hingegen, dass in Dänemark laut OECD rund 20 Prozent, in Schweden sogar 30 Prozent aller Arbeitslosen weniger als einen Monat lang einen Job suchen. In Österreich finden nicht einmal 10 Prozent so schnell wieder in den Beruf zurück. Rund die Hälfte der Arbeitslosen findet in Dänemark, Schweden und Finnland innerhalb von drei Monaten wieder eine Arbeit, in Österreich gilt das nur für etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen.

Dafür ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen in Österreich deutlich höher. Länger als ein Jahr ohne Job sind laut OECD in den drei skandinavischen Ländern 12 bis 17 Prozent der Arbeitslosen, in Österreich 24 Prozent. In Summe verliere man in Skandinavien leichter den Job als in Österreich, komme aber auch rascher wieder in die Arbeit zurück. Ob das gut oder schlecht ist, sie nicht so einfach zu beantworten. Menschen in Österreich haben letztlich mehr "firmenspezifische Skills", so Lehner, in Skandinavien setze man mehr auf transferierbares, allgemeines Know-how.

Job für Langzeitarbeitslose und degressives Arbeitslosengeld diskutiert

Letztlich müsse man akzeptieren, dass ein Teil der Arbeitslosen - zumindest im regulären Arbeitsmarkt - nicht mehr vermittelbar ist, sagt Lehner, der auch in das niederösterreichische "Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal" eingebunden ist, in dem allen Langzeitarbeitslosen ein Job angeboten wird. Daher müsse man auch über die langfristige Absicherung der Menschen nachdenken. Gerade dieses Thema wird im Moment in Österreich kontrovers diskutiert, unter dem Stichwort "degressives" Arbeitslosengeld - also einer Unterstützung, die am Anfang hoch ist aber dann absinkt. Auch hier gelten skandinavische Länder als Vorbild.

Nettoersatzrate und Dauer der Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich.

Aber auch da lohnt es sich, genauer hinzusehen, empfiehlt Lehner. Diskutiert wird derzeit die "Nettoersatzrate", also die Arbeitslosenunterstützung als Anteil des letzten Nettoeinkommens. Diese beträgt in Österreich konstant 55 Prozent, mit dem Umstieg in die Notstandshilfe sinkt die Unterstützung allerdings, die OECD geht von 51 Prozent nach dem 1. Jahr aus. In Dänemark startet die Unterstützung hingegen deutlich großzügiger, nämlich mit 82 Prozent. In Schweden gibt es zu Beginn 69 Prozent, in Finnland nur 58 Prozent und damit kaum mehr als in Österreich.

Vergleicht man die Lage nach zwei Jahren, so stehen die Dänen immer noch bei komfortablen 82 Prozent des letzten Nettoeinkommens, die Schweden haben hingegen seit dem 6. Monat ihrer Arbeitslosigkeit nur mehr 59 Prozent, die Finnen müssen mit nur 31 Prozent auskommen. Langfristig fällt die Unterstützung in Dänemark dann auf 50 Prozent, also etwa auf die gleiche Höhe wie die österreichische Notstandshilfe.

Nicht gekürzte Sozialleistungen erhöhen Nettoersatzrate

Auch diese Zahlen geben aber nur einen Teil der Wahrheit wieder, denn das Bild ändere sich, wenn man andere Sozialleistungen dazurechne - die in der Arbeitslosigkeit oft nicht gekürzt werden, so Lehner.

Nimmt man etwa eine Alleinerzieherin mit zwei Kindern, dann kommt diese nach OECD-Zahlen auf eine Nettoersatzrate von 76 Prozent und damit auf kaum weniger als in Dänemark (88 Prozent), Finnland (82 Prozent) oder Schweden (77 Prozent).

Die Höhe der Nettoersatzraten über die Dauer der Arbeitslosigkeit zu vergleichen greife aber ohnehin zu kurz, betont Lehner. Soziale Absicherung gehe viel weiter als nur um das Geld. "Soziale Sicherheit hat damit zu tun, ob ich zum aktuellen Job Nein sagen kann", so Lehner. Ob man also eine Alternative habe und wechseln kann. Denn wenn man das nicht könne, bleibe man abhängig vom Arbeitgeber und den aktuellen Arbeitsbedingungen. (APA)


Kommentieren


Schlagworte