„Die Niere" in den Kammerspielen: Rasante Liebesprobe ohne Denkpausen

In „Die Niere“ von Stefan Vögel geht es nur vordergründig um eine Organspende. Das Stück in den Kammerspielen stellt zwei Ehen in Frage.

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Nichts ist perfekt: Götz (Jan-Hinnerk Arnke), Arnold (Johannes Gabl), Diana (Ulrike Lasta) und Kathrin (Antje Weiser, v. l. n. r.) in „Die Niere“.
© Gufler

Innsbruck – Würde man es selbst tun? Jemand anderem eine Niere spenden. Nicht irgendwem, sondern jener Person, der man vor zwanzig Jahren das Jawort gab. Bei Kathrin und Arnold wird diese Frage zur Liebesprobe. Ist die Ehe so stark wie gedacht oder steckt dahinter vor allem Zweckmäßigkeit? Die Migränemittel sollen übrigens schuld sein, dass die Pilateslehrerin Kathrin an einer Niereninsuffizienz leidet, meint Doktor Adler. Während Arnold die Werte eines Achtzehnjährigen hat – und ein idealer Spender für seine Frau wäre.

Wirklich gut findet Arnold diese Ausgangslage nicht. Eine derart wichtige Entscheidung kann und will er partout nicht spontan treffen. Da hilft es auch nicht, dass Kathrin im Gegenzug kein Problem hätte, ihm das nicht überlebenswichtige Organ zu überlassen, hätte er es denn nötig. Arnold hat auch Wichtigeres im Kopf, sein neues Baby etwa, den spektakulär-schicken Diamond Tower, mit dem Arnold als erfolgreicher Architekt bald schon die Skyline von Paris mitgestalten wird. Im Umkreis von einem Kilometer hat er damit den Größten.

Die Männer kommen in Stefan Vögels Stück „Die Niere“ zunächst nicht gut weg, vor allem die Star-Architekten mit ihren phallischen Bauten. Mit Klischees aber gibt sich „Die Niere“ nicht zufrieden. Als das befreundete Paar Götz und Diana ins Spiel kommt, ändert sich auch die Dynamik – und die Liebesprobe gerät zur Freundschaftsprobe. Bierernst wird es mit diesen so unterschiedlichen Charakteren nicht. Das gilt auch für Thorsten Danners Inszenierung von Vögels Komödie am Tiroler Landestheater. Am Samstagabend hatte das Stück in den Kammerspielen Premiere.

📅 Event-Tipp

Die Niere. Bis 18. November. Nächste Vorstellung: 30. September, 20 Uhr. www.landestheater.at

Wirklich Spaß machen hier die zum Teil ordentlich absurden Dialoge, die Antje Weiser (Kathrin), Johannes Gabl (Arnold), Ulrike Lasta (Diana) und Jan-Hinnerk Arnke (Götz) mit schön überzeichnetem Spiel bis auf die Spitze treiben. Der Höhepunkt: Kathrins tänzelnde Entlarvung ihres fremdgehenden Ehemanns.

Im luxuriösen, nicht näher verorteten Penthouse (stilvoll eingerichtet von Helfried Lauckner) gibt es genug Spielraum für die existenziellen Fragen. Die Details machen hier die Atmosphäre aus: Mystisch rot leuchtet der Diamond Tower, wenn das Gespräch immer wieder auf ihn zurückkommt, und der Wind pfeift dramatisch, wenn die Balkontür auffliegt. Zumindest in den aufwändigen Rückblenden scheint alles zu perfekt. Dass hier am Ende gleich zwei Ehen in Scherben liegen, kommt dennoch nicht unerwartet.

So richtig an die Nieren geht einem die Produktion nie. „Die Niere“ bleibt ein rasanter Spaß. In all dem Trubel zwischen Türmen, Verwechslungen und fliegenden Kuchenstücken fehlen die Denkpausen für die vielen Fragen, die dieses Stück aufwirft.


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