Selbstentwurf contra Lebensrealität am Wiener Volkstheater

Prächtiges Schau-Spiel: Am Wiener Volkstheater gelingt ein bemerkenswerter Gerhart-Hauptmann-Abend.

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Neue Gesichter und brillantes Spiel: Anke Zillich, Nick Romeo Reimann und Anna Rieser (v. l.).
© Ostermann/Volkstheater

Von Bernadette Lietzow

Wien – Links und rechts an den Bühnenrändern streckt sich je eine große graue Hand gen Himmel. Sie umrahmen kongenial das Geschehen der kommenden zwei Stunden, den gleichsam händeringenden Versuch der Figuren, ihre Bestimmung im Leben zu finden oder auch nur zu behaupten. In Gerhart Hauptmanns 1890 entstandenem und selten gespieltem Drama „Einsame Menschen“ begegnet man einer Schar Menschen, die im Mikrokosmos eines Landhauses am Müggelsee in der Nähe Berlins in Zweifel wie Verzweiflung einander fremd bleiben.

Starr und einsam steht zu Beginn dieser kollektiven Regiearbeit von Intendant Kay Voges, Regisseur und Autor Jan Friedrich sowie dem Ensemble die junge Käthe mit ihrem Neugeborenen inmitten des wabernden Bodennebels, von der Seite mit allerlei scheinbar guten Worten der Schwiegermutter (großartig: Anke Zillich) versorgt.

Diese Käthe, der die aus Salzburg stammende Anna Rieser fabelhafte Gestalt und glaubhafte, zunehmend radikale Entwicklung angedeihen lässt, wird von ihrem jungen Ehemann, dem egozentrischen Gelehrten Johannes Vockerat, als Ballast empfunden, aufgrund der ihr, auch von ihm, attestierten Unbildung. Nick Romeo Reimann stülpt sich ausgezeichnet die Rolle des für niemanden wirklich greifbaren, um sich selbst kreisenden Hypochonders über. Eine Art von Interesse zeigt er erst, als die mondäne Anna ins Haus schneit.

Sie studiert in Zürich, kennt die Welt und erprobt neue (Frauen-)Lebensentwürfe. Im neongelben Wickelkleid, etwas zerzaustem Langhaar und Sonnenbrille fegt Gitte Reppin als Anna in die Szenerie. Sie zitiert Epikur, gewissermaßen als Code eines geistigen „Erkennens“, und schon ist es um Johannes geschehen. Reppin stattet ihre Anna gekonnt mit der Aura des geheimnisvollen wie parasitären Hausgastes aus, ihr Dasein reißt Abgründe auf, ihrem Fortgang folgt bei Johannes der Freitod im See, bei den anderen zumindest die Erkenntnis, dass der Wunsch nach „normaler“ bürgerlicher Existenz den Stachel des Ungewissen birgt.

In der Person des Malers Braun hat Gerhart Hauptmann eine schöne Kontrastfigur zum eitlen Johannes geschaffen. Braun, den Nietzsche-Anhänger und von den Ideen der Pariser Kommune Entflammten, gibt Claudio Gatzke teils stotternd, teils leidenschaftlich wetternd – und erschüttert, als Käthe sich ihm im Ausprobieren neuer Freiheit nähert. Eindringlich ist der kurze Auftritt von Stefan Suske, als Vater Vockerat ein unbeugsamer patriarchalischer Fels. Intelligent angesiedelt in einem zeitlichen Dazwischen wird hier – wider Erwarten angesichts des neuen Stils der jungen Intendanz Voges – weder auf Dekonstruktion noch Effekte gesetzt. Großer Applaus für großes Schauspiel.


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