IFFI-Eröffnung mit „Notturno“: Das Leben im Nachhall des Schreckens

Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Notturno“ eröffnet heute Abend das 30. Internationale Filmfestival Innsbruck.

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„Notturno“ handelt vom Alltag gewordenen Ausnahmezustand im syrisch-irakischen Grenzgebiet.
© IFFI

Innsbruck – Seit mehr als fünf Jahrzehnten plädiert Bewegtbild-Guru Jean-Luc Godard dafür, dem Kino mit dem Instrumentarium der Archäologie zu begegnen – und in Filmen Schicht um Schicht abzutragen, um jene Geschichten freizulegen, die unter der Oberflächenspannung und hinter dem Dekor liegen.

Voraussetzung dafür ist aktives Zusehen. Sich in der Dunkelheit des Kinosaals berieseln, abholen oder mitreißen zu lassen, ist jedenfalls zu wenig, um den kinematographischen Mehrwert abzuschöpfen.

In diesem Sinne steht auch der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi in der Tradition Godards. In seinen Arbeiten nimmt er die Zusehenden nicht bei der Hand. Er kaut nicht vor, bereitet keine mundgerechten Häppchen zu. Er zerredet nicht, sondern bildet kommentarlos ab. Mit deutlich sichtbarem Stilwillen und Mut zur ausgefeilten Komposition zwar, aber ohne den Gestus des großen Erklärers. Berühmt wurde Rosi mit dem Film „Fuocoammare“, der Geflüchteten und Seenot-Rettern auf Lampedusa folgte – und bei den Filmfestspielen von Berlin 2016 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Rosis jüngster Film „Notturno“ eröffnet heute Abend das 30. Filmfestival Innsbruck.

📽️ Trailer | Notturno

Er ist die Weitererzählung von und eine Gegenerzählung zu „Fuocoammare“. Drei Jahre lang hat Rosi dort gedreht, wo Flucht oft der einzig mögliche Ausweg ist: im syrisch-irakischen Grenzgebiet. Er begleitet Menschen, die geblieben sind, Menschen, die bleiben mussten. Den Krieg – die auf ihre Art genormten Schreckensbilder aus den Abendnachrichten – zeigt er nicht, sondern dessen Nachhallen: theatrale Traumabewältigungsversuche, Jugendliche, die sich durchschlagen, um ihre Familien durchzubringen, Peschmerga-Soldatinnen, die der nächtlichen Niemandslandkälte trotzen, Soldaten, die nach holpriger Panzerfahrt über Rückenschmerzen klagen, Kinder, die der Gräuel, die sie erlebten, mit Buntstiften Herr zu werden versuchen.

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„Notturno“ stellt Schmerz und Versehrtheit nicht aus. Er maßt sich kein Besserwissen, kein westliches Wichtigtuen an. Der Film gibt nicht vor, verstehen zu können, was Über- und Weiterleben heißen könnte. Aber er eröffnet Einblicke in dieses Weiterleben, fragmentarisch, unübersichtlich, für sich genommen unspektakulär – und in bisweilen beinahe zu schönen Bildern. „Notturno“ fordert die Betrachter auf, eigene Schlüsse zu ziehen. Das macht ihn zu einem im besten Sinne unbequemen Film: Er zwingt zum Hinschauen und Weiterdenken. (jole)

IFFI: Zurück im Kino

Nach einer Digital-Auflage im Vorjahr findet das Internationale Filmfestival Innsbruck (IFFI) heuer zum 30. Mal statt. In Leokino und Cinematograph werden bis Sonntag, 10. Oktober, rund 60 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt. Ausgewählte Festivalfilme sind von 10. bis 17. Oktober auch auf stream.iffi.at abrufbar. Im Rahmen des IFFI werden der Spielfilmpreis des Landes Tirol (5500 Euro) und der Dokumentarfilmpreis der Stadt Innsbruck (3000 Euro) vergeben. Weitere Infos: www.iffi.at


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