Jeder Zeit ihr Sujet: Autorin Verena Roßbacher im Inn Situ

Ein literarischer Blick ins Früher: Für „Das Fotoalbum“ macht sich Autorin Verena Roßbacher ein anonym gebliebenes Fotoalbum zu eigen. Zu sehen und hören im Inn Situ.

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Urlaub Anno 1912: Seit 2007 ist das Fotoalbum ohne Autor im Bestand der Ferdinandeumsbibliothek.
© Schrott

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – An diesem Fotoalbum ist nichts Besonders. Keine außergewöhnlichen Motive, keine außergewöhnliche Qualität. Die Aufnahmen aus 1912 sind durchschnittlich – nicht zu vergleichen mit den pittoresken Porträts, die Fotopionier Heinrich Kühn zu jener Zeit in Tirol fertigte. Im Gegensatz dazu kennt diese Amateurfotografie kaum Porträts, sie konzentriert sich auf die Landschaft. Sie zeigt eine Urlaubsfahrt, wie sie Anfang 1900 eben unternommen wurde: von München ausgehend über den Fernpass nach Innsbruck, über Kufstein wieder retour. Zwei Männer und eine Frau entdecken Tirol. Wer sie sind, ist völlig unklar. 2007 hat das Ferdinandeum das aufwändig gestaltete Fotoalbum erstanden – zufällig via Ebay. Dass dieses anonym gebliebene Fundstück einmal Ausgangspunkt einer künstlerischen Reise sein könnte, dachte damals selbst Bibliotheksleiter Roland Sila nicht. Ein Universalmuseum sammelt eben. Und so versank das Album im Bibliotheksbestand.

Bis Hans-Joachim Gögl, Leiter der Reihe Inn Situ am BTV-Stadtforum, es hervorholte, nicht um es zu studieren, sondern um es weiterzugeben – an die Vorarlberger Romanautorin Verena Roßbacher. Mitsamt einem künstlerischen Auftrag: Sie sollte eine literarische Betrachtung versuchen. Entstanden ist ein „foto-literarisches Roadmovie“, das Projekt mit dem simplen Titel „Das Fotoalbum“, das seit gestern in Innsbruck zu sehen ist.

Eine klassische, zeitgenössische Ausstellung darf man sich am Innsbrucker Stadtforum nicht erwarten. Im zentralen Raum wird man mehr als hundert Jahre zurückgebeamt: Neben Einblicken ins Album von 1912 beschreiben Postkarten und Landkarten aus der Ferdinandeumsbibliothek ein ganz bestimmtes Zeitkolorit. In die Gegenwart kommt das Projekt erst durch Roßbachers literarischen Blick, der nicht nur im Katalog abgedruckt, sondern dem eine ganze Videoinstallation gewidmet wird.

Inn Situ

Stadtforum 1, Innsbruck; bis 22. Jänner 2022,

Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr.

Darin entspinnt sich ein innerer Monolog, der den abfotografierten Personen zu einem Charakter verhilft und die Bildfolge zur Bildgeschichte formt. Ohne dabei auf zeitgenössische Fragestellungen zu vergessen: Jeder Zeit ihr Sujet wird zur Grundaussage einer Überlegung über Fotografie. Wirklich interessant wird es im Sinnieren über Fehlendes – eben dort, wo kein Bild zur Erzählung auf der Bildfläche erscheint. Eine halbe Stunde lang hört man Roßbacher zu, wie sie sich das anonyme Album zu eigen macht. Das zunächst abstrakte Bildwerk wird zugänglich.

Nicht nur über Literatur soll dieses Mal der Zugang gelingen. Der traditionelle Dreiklang, den Inn Situ bei jedem Projekt forciert, beinhaltet aktuell einmal mehr Dialog (kommenden Freitag) und Musik: Heute und morgen (ab 19 Uhr) nähert sich der Tiroler Percussionist Tobias Steinberger der Tiroler Bilderstrecke über Klänge und Improvisation. Das literarische Roadmovie wird musikalischer Roadtrip. Mit „Das Fotoalbum“ jedenfalls zeigt Gögl, welche Möglichkeiten sich über Zusammenarbeiten, in diesem Fall mit den Archiven der Landesmuseen, ergeben – und damit, dass das Inn-Situ-Konzept noch lange nicht auserzählt ist.


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