Bischof Glettler in „Tirol Live“ über Missbrauch: „Beschämende Altlast“

In „Tirol Live“ zeigt sich Innsbrucks Diözesanbischof Glettler erschüttert über den Missbrauchsskandal in Frankreich. Und er kritisiert eine zu defensive Flüchtlingspolitik in Österreich.

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Herr Bischof, in Rom wird am Wochenende ein weltweiter Vorbereitungsprozess für die Bischofssynode 2023 eröffnet. Was soll am Ende herauskommen?

Bischof Hermann Glettler: Papst Franziskus möchte die gesamte Kirche einbinden, sie soll gemeinschaftlicher und partizipativer werden. Und ihrem Auftrag mit Freude nachkommen. Weltweit beginnt dieser synodale Prozess in den Diözesen am 17. Oktober. Es geht um ein wirkliches Zuhören – was ist der Puls der Zeit, Sehnsucht und Verwundung der Menschen.

Wie soll die verstärkte Einbindung des Kirchenvolks gelingen?

Glettler: Auf der diözesanen Homepage werden die konkreten Möglichkeiten der Beteiligung benannt werden. Zusätzlich dazu wird es interne und externe Fokusgruppen geben. In einer ersten Phase fragen wir, ob es uns als Kirche gelingt, „Gemeinschaft in Vielfalt“ zu leben und Menschen von heute eine spirituelle Beheimatung anzubieten. Es ist der Herzenswunsch des Papstes, dass die Kirche eine offene und solidarische Weggemeinschaft lebt. Dazu ist ihr das nötige „Herzfeuer“ des Glaubens geschenkt worden.

Wegen des Priestermangels wird die Seelsorge in den Gemeinden zu einem immer größeren Problem. Wie stehen Sie zum Diakonat der Frau oder der Weihe von bewährten Männern, der viri probati?

Glettler: Ich kann mir beides vorstellen. Das Diakonat der Frau wäre ein erster Schritt. Diese und ähnliche Fragen werden in den synodalen Prozess einfließen. Dennoch bitte ich darum, in der aktuellen Phase Priester mit einer zölibatären Lebensweise überhaupt noch zu wollen. Junge Menschen brauchen eine Ermutigung. In der Leitung der Seelsorgeräume geht es um einen guten Mix von Priestern und qualifizierten Laien. Angesichts einer kollektiven Ermüdung braucht es dringend ein Zeugnis der Zuversicht.

Erneut erschüttert ein Missbrauchsskandal die katholische Kirche, diesmal in Frankreich. Seit 1950 hat es dort 330.000 Missbrauchsopfer gegeben. Der lange Schatten der Vergangenheit holt die Kirche erneut ein. Wird in Teilen der Kirche nach wie vor zu viel totgeschwiegen?

Glettler: Das ist eine wirkliche Tragik, eine beschämende Altlast. Ich war ein Jahr lang als Kaplan in Paris und habe die Kirche dort als sehr offen, spirituell und sozial engagiert erlebt. Aber dieses dunkle Kapitel ist in Frankreich offensichtlich noch nicht aufgearbeitet worden.

Auch die österreichische Kirche war damit vor zehn Jahren konfrontiert.

Glettler: In Österreich wurde 2010 die unabhängige Opferschutzkommission eingerichtet. Diese externe, nicht innerkirchliche Beurteilung der Fälle ist zum Segen geworden. In der Diözese Innsbruck wurde 2012 eine Stabsstelle für Kinder- und Jugendschutz eingerichtet sowie eine externe Ombudsstelle und Opferschutzkommission. Auch wenn ca. 80 Prozent der Fälle Jahrzehnte zurückliegen, muss alles auf den Tisch. Was nicht ans Licht kommt, kann nicht heil werden.

Wie sieht es mit der Prävention aus, wie kann Missbrauch in kirchlichen Institutionen verhindert werden?

Glettler: Auch hier ist die Kirche in Österreich vorangegangen. Bereits vor 10 Jahren wurde ein umfangreiches Präventionskonzept mit sehr hohen Standards erarbeitet, das nach wie vor konsequent umgesetzt wird.

Im Sommer gab es heuer verheerende Naturkatastrophen, die ökologische Krise hat sich dramatisch verschärft. Die Diözese Innsbruck ist unter Ihrer Führung dem Klimabündnis Tirol beigetreten. Ist Österreich beim Klimaschutz zu wenig aktiv?

Glettler: Mit der Ökosteuer ist ein Versuch am Tisch. Leider glauben immer noch zu viele, dass irgendwie alles an uns vorübergehen wird. Ein fataler Irrtum. Es benötigt auf allen Ebenen eine geistvolle Entschlossenheit, um die Wende zu schaffen. Neben einer längst fälligen Veränderung unseres Lebensstils braucht es natürlich auch eine starke Politik, die uns die nötigen Schritte zumutet. Christliche Spiritualität kann in diesem Umkehr-Prozess einen wichtigen Beitrag leisten. Wichtig ist die Anschubkraft und ein langer Atem. Gott Heiliger Geist schenkt uns die nötige Weite des Denkens und ebenso die nötige Herzensenergie.

Sind wir auch in der Flüchtlingspolitik zu träge?

Glettler: Wir befinden uns immer noch zu sehr in einer defensiven Haltung. Die konsequente Abwehr von Flüchtenden darf nicht das letzte Wort sein. Auch wenn es nicht in den Medien ist, besteht das Flüchtlingselend an den europäischen Außengrenzen weiterhin. Ein Resettlement-Programm wie 2015 in der Syrien-Krise benötigt es jetzt auch für Afghanistan. Eine europäische Anstrengung wäre notwendig.

Das Gespräch zeichnete Peter Nindler auf

Glettler: Alles nur Spekulation

Im Jänner des Vorjahres hat der Wiener Erzbischof und Kardinal Christoph Schönborn mit Erreichen des 75. Lebensjahres bei Papst Franziskus seinen Rücktritt eingereicht. Und auf eine baldige Pensionierung gehofft. Ende 2020 hat ihn der Pontifex jedoch auf unbestimmte Zeit verlängert. Über seine Nachfolge wird dennoch seit Monaten spekuliert. Der Linzer Bischof Manfred Scheuer, der Vorarlberger Oberhirte Benno Elbs, aber auch der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler werden immer wieder als Kandidaten genannt. Vor allem in Wien selbst steht Glettler, der seit Dezember 2017 Bischof ist, hoch im Kurs. Was sagt er selbst dazu? „Ich bin erstens gern in Tirol und mit Freude Bischof der Diözese Innsbruck“, meinte er im Gespräch mit Alois Vahrner auf „Tirol Live“. Nachsatz: Und diese Spekulationen versuche er möglichst von sich fernzuhalten. (pn)


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