Hinterland im Kino: Ein Mörder geht um in Ex-Kakanien

Oscar-Regisseur Stefan Ruzowitzky wagt in „Hinterland“ viel. Heute läuft der düstere Krimi in den heimischen Kinos an.

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Weltkriegsheimkehrer Peter Perg (Murathan Muslu) jagt einen Mörder im expressionistisch gezeichneten Wien der 20er.
© SquareOne Entertainment

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – HistorikerInnen haben zu Stefan Ruzowitzkys neuestem historischen Werk wohl einiges anzumerken. Dabei ist „Hinterland“ zuallererst ein düsterer Kriminalthriller. Doch im Jahr 1920, kurz nach dem Großen Krieg, der nicht der einzige bleiben wird, ist die ehemalige Kaiserstadt Wien von körperlich und geistig Kriegsversehrten bevölkert. Einer von ihnen ist Peter Perg, ein Major der kaiserlichen Armee, mit seiner Soldaten-Truppe frisch aus zweijähriger Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Einst ließ er aus Kaiser-Patriotismus Frau und Kind und seinen Job als Mordinspektor in Wien zurück. Nun ist es vorbei mit Kakanien und in den demokratischen Zeiten wird – historisch falsch – bereits mit Groschen statt mit Hellern bezahlt. Perg ist noch gar nicht richtig in der geschrumpften Hauptstadt der neuen Republik angekommen, da wird er schon in eine Serie brutaler Ritualmorde hineingezogen. Die Opfer sind alle ehemalige k. u. k. Offiziere.

Stefan Ruzowitzky holte 2008 mit dem vergleichsweise handzahmen Historienfilm „Die Fälscher“ den Auslands-Oscar und reiste vergangenes Jahr mit „Narziss und Goldmund“ ins literarische Mittelalter. „Hinterland“ – beim diesjährigen Filmfestival von Locarno mit dem Publikumspreis ausgezeichnet – wandelt unübersehbar auf den Spuren von David Finchers düsterem Genre-Meisterwerk „Se7en“ bis hin zum vertrackten Showdown.

Das kompakte Drehbuch (Ruzowitzky zusammen mit Hanno Pinter und dem Südtiroler Robert Buchschwenter) ist schnörkellos ausbalanciert. Leider wird jedoch die atmosphärische Spannung von einem mutigen, aber technisch allzu auffällig umgesetzten Expressionismus im Stil von Filmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ konterkariert. Beeindruckend schräge Häuserfronten als unangenehm sichtbarer, digitaler Hintergrund sowie krasse Lichtsetzungen lassen die Akteure auf der historischen Vorderbühne zuweilen sehr theaterhaft im Regen stehen.

ExpertInnen mit mehr Budget für die technische Umsetzung und visuelle Konsistenz fehlen, dennoch gelingt Ruzowitzky ein ungleich intensiverer Mordthriller als Kollege David Schalko in seiner konzeptuell misslungenen Neuauflage von „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Die Darstellenden, allen voran Murathan Muslu als Perg und Liv Lisa Fries (20er-erfahren dank „Babylon Berlin“) als Gerichtsmedizinerin Dr. Theresa Körner sind überzeugend, wenn auch ohne Wiener Dialekt-Flair.

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Unterm Strich ist Ruzowitzkys Mut zum atmosphärischen Genrefilm im kopflastigen Kontext des österreichischen Kino-Hinterlandes aber löblich und auch durchaus sehenswert.


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