Tiroler Festspiele in Erl: Romantik ohne Sahnehäubchen

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„Vortänzer“ James Hendry und das Festspielorchester begeisterten.
© Kitzbichler

Von Wolfgang Otter

Erl – Der Herbst diente Generationen von Komponisten als Programm. Wen wundert es, dass auch der noch junge Edvard Grieg eine Konzertouvertüre „Im Herbst“ zu Papier brachte. Doch sein Opus 11 erntete harte Worte des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade. Ein Unsinn sei das Werk, und er solle besser nach Hause gehen und etwas Vernünftiges komponieren, soll Gade damals zu Grieg gesagt haben. Es dauerte daher fast 20 Jahre, bis der gereifte Norweger die Ouvertüre neu orchestrierte und uraufführte.

Gades hartem Urteil kann man sich nicht anschließen, wenn man am Donnerstagabend bei der Eröffnung der „Erntedank-Reihe“ der Tiroler Festspiele in Erl dabei war. Grieg verzauberte bereits in jungen Jahren durch seine musikalische Malerei, mit der er verträumte Stimmungen in volksliedhaften Übermut übergehen lässt.

Der junge britische Dirigent James Hendry hatte im übertragenen Sinne dem Orchester der Tiroler Festspiele die Noten für dieses Werk auf das Pult gelegt. Hendry langt in seiner Interpretation gemäß dem Motto des Konzertes „Herbstliche Naturgewalten“ kräftig zu. Die feine Klinge ist seine Sache nicht. Er liebt die scharfen Akzente und treibt im manchmal etwas übereilten Schwung den Spannungsbogen bis zum Anschlag. Daher fehlt ihm im entscheidenden Moment da und dort doch noch die letzte Reserve. Dies ist jedoch die einzige kleine Kritik, denn was Hendry aus den Musikern herauszuholen und was diese zu leisten vermochten, riss einen mit. Und in den Norwegischen Tänzen op. 35 (in der Orchestrierung von Hans Sitt) war dann Hendrys messerscharfe Akzentuierung genau richtig am Platz.

Herbstliche Naturgewalten brausten auch im zweiten Teil auf das Publikum ein. Der Dirigent nahm es mit auf eine Reise auf seine Heimatinsel – ganz genau gesagt, nach Schottland. Felix Mendelssohn Bartholdy hatte mit seiner 3. Sinfonie (Schottische) die Route vorgegeben. Als Zwanzigjähriger hatte der Komponist die Highlands erkundet und die Ideen für die Sinfonie gefunden. Doch erst zwölf Jahre später vollendete er das Werk. Wenn auch nicht programmatisch, ist doch der Entstehungsort in allen Teilen der Sinfonie präsent. Da taucht ein Schloss aus dem Nebel Schottlands genauso auf, wie sich der Zuhörer unvermittelt auf einem Schottischen Dorfplatz mit Dudelsackspiel wiederfindet, oder in der schönen, aber schroffen Weite des Schottischen Hochlandes . Hendry arbeitet all das auf seine gerade und moderne Art heraus – und nimmt der Romantik das süße Sahnehäubchen ab.

In Erl stehen heute „Ein Sommernachtstraum“ und am Sonntag „Peer Gynt“ am Programm. Infos auf www.tiroler-festspiele.at


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