Triumphales Todesspiel: Netflix bricht mit „Squid Game“ Rekorde

Die koreanische Serie „Squid Game“ bricht auf Netflix alle Rekorde. Was steckt dahinter?

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Spieler 456 (Lee Jung-jae) kämpft in „Squid Game“ ums Überleben. Die koreanische Serie erreichte – laut Netflix – 111 Millionen Zuseher.
© Netflix

Innsbruck – Selbst der große Konkurrent zollte zuletzt Anerkennung. Amazon-Chef Jeff Bezos, der selbst eine nicht ganz irrelevante Streaming-Plattform betreibt, nannte „Squid Game“ die „größte neue Show“, die Netflix je hervorgebracht habe. Und Netflix selbst überschlägt sich regelrecht mit Jubelmeldungen: Am 17. September ging „Squid Game“ online, seither hätte der südkoreanische Neunteiler 111 Millionen Zuseher erreicht, teilt Netflix mit – und unterstreicht: „Unser bester Serienstart aller Zeiten.“ Mit Belegen geizt der Streamingdienst. Aber dass „Squid Game“ ein globales Publikum erreicht hat, steht außer Frage: Die österreichische Regierungskrise wurde online von zahllosen Memes aus der Serie begleitet, in den USA explodierte zuletzt das Interesse an Koreanischkursen und allein auf Tiktok wurde der Hashtag #squidgame mehr als 24 Milliarden Mal verwendet.

Mit dem Erfolg habe niemand gerechnet, stellt Netflix-Chef Ted Sarandos bei jeder Gelegenheit klar. Tatsächlich ist der Triumphzug des „Tintenfisch-Spiels“ erstaunlich, nicht nur weil Netflix die Serie wegen sprichwörtlicher Bildgewalt erst ab 16 Jahren empfiehlt, sondern weil „Squid Game“ nicht in den mit Algorithmen gefütterten Schreibstuben des Streaminganbieters konzipiert wurde, sondern mit Hwang Dong-hyuk nur einen kreativen Kopf hat. Ihn beschäftigt das Projekt seit 2008. Er hat alle Folgen geschrieben, inszeniert und produziert.

📽️ Trailer | „Squid Game“

Das inhaltliche Prinzip der Serie ist beinahe banal: 456 Menschen bekämpfen einander in blutigen „Kinderspielen“. Der Anreiz: finanzielle Verzweiflung und die Aussicht auf fette Beute. Die unbarmherzige Mechanik von Agatha Christies Abzählreim-Roman „Und dann gab’s keines mehr“ hat Dong-hyuk um geradlinige Kapitalismuskritik erweitert – und beides in kunterbuntes Dekor gesetzt. Gestorben wird auf einem ins Absurde aufgeblasenen, akribisch ausstaffierten Spielplatz.

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Die Dissonanz von quietschfideler Harmlosigkeit und drastischer Eskalation sorgt für Spannung, gruppendynamische Prozesse für den Rest: Es gibt Allianzen, Psychospiele und Verrat. Auf den gängigen Kitt seriellen Erzählens – Liebesgeschichten etwa oder anderweitigen Schmus – wird verzichtet. Die zentrale Frage in „Squid Game“ ist: Wie weit geht ein Mensch, wenn das eigene Leben und eine Fantastilliarde auf dem Spiel steht? Und: Wann verlieren die, die das Todesspiel orchestrieren, ihr Interesse daran?

Andere Fragen reißt die Serie nur an. Auch das generiert Interesse. Manches bleibt rätselhaft. Was nach neun Folgen Hoffnung auf eine Fortsetzung macht. Die, kündigte Hwang Dong-hyuk zunächst an, sei nicht geplant. Immerhin zählt der 50-Jährige zu Südkoreas gefragtesten Filmemachern. Er wolle sich künftig wieder dem Kino widmen, sagte er. Inzwischen, heißt es, stünde er für eine zweite Staffel zur Verfügung. Auch im echten Leben geht es manchmal um viel Geld – für Hwang Dong-hyuk. Und für Netflix sowieso. Weitere Jubelmeldungen sind also sehr wahrscheinlich. (jole)


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