Tödliche Attacke auf britischen Abgeordneten als Terrorakt eingestuft

Der Tory-Abgeordnete David Amess wird bei einer Bürgersprechstunde mit einem Messer angegriffen. Er stirbt noch am Tatort. Die Polizei nimmt einen 25-Jährigen fest. Die Tat wird als terroristischer Akt eingestuft.

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David Amess mit seinen zwei Hunden. Der Politiker wurde 69 Jahre alt.
© imago stock&people

Leigh-on-Sea – In Großbritannien ist der tödliche Angriff auf den konservativen Abgeordneten David Amess als Terrorakt eingestuft worden. Ersten Ermittlungen zufolge gebe es eine mögliche Verbindung zum islamistischen Extremismus als Motiv, teilte die Polizei von Essex in der Nacht zum Samstag mit. Die Anti-Terror-Einheit leite die Ermittlungen. Der 69-jährige Amess war am Freitag bei einer Bürgersprechstunde in einer Kirche in Leigh-on-Sea bei London mit einem Messer angegriffen worden.

Der mutmaßliche Täter stach mehrfach auf ihn ein. Amess verstarb noch am Tatort. Die Polizei nahm einen 25-jährigen Mann fest. Sie geht davon aus, dass er alleine handelte.

Eine Methodistenkirche wurde zum Tatort.
© TOLGA AKMEN

Es ist bereits der zweite tödliche Angriff auf Parlamentsmitglieder binnen fünf Jahren. 2016 wurde die Labour-Abgeordnete Jo Cox nur wenige Tage vor dem Brexit-Referendum erschossen. Stephen Timms, ebenfalls Labour, überlebte 2010 einen Messerangriff in seinem Wahlkreisbüro. Innenministerin Priti Patel kündigte am Samstag verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für Abgeordnete an. "Es wird alles getan, damit die Parlamentsmitglieder sicher ihrer Arbeit nachgehen können", sagte sie. "Wir leben in einer offenen Gesellschaft, einer Demokratie. Wir können uns nicht von einer Einzelperson einschüchtern lassen."

Die britische Bevölkerung und Politiker zeigten sich entsetzt über Amess' Tod. Patel wie auch Premierminister Boris Johnson und Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour Partei legten am Vormittag an der Kirche in der Grafschaft Essex, in der Amess tags zuvor tödlich verletzt wurde, Blumen nieder. Zum Gedenken wehten die Flaggen auf Regierungsgebäuden auf Halbmast.

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Der tödliche Messangriff auf den Tory-Abgeordneten löste in Großbritannien eine Debatte über die Sicherheit von Politikern aus. Amess' Parteifreund Tobias Ellwood, der für seinen beherzten Erste-Hilfe-Einsatz nach einem terroristischen Angriff auf das Parlament im Jahr 2017 bekannt wurde, forderte die Einstellung physischer Treffen von Abgeordneten mit Bürgern, bis eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen durch das Innenministerium abgeschlossen ist.

Amess saß seit Anfang der 1980er-Jahre für die Konservative Partei im britischen Unterhaus. 2015 wurde er von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen und trug seitdem den Titel "Sir". Er war verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Königshaus „schockiert und traurig“

Auch das britische Königshaus zeigte sich entsetzt. „Wir sind schockiert und traurig über den Mord an Sir David Amess, der 40 Jahre seines Lebens dem Dienst an der Gemeinschaft geopfert hat“, teilten Prinz William und Herzogin Kate am Freitagabend per Twitter mit. Ihre Gedanken und Gebete seien bei der Familie, den Freunden und Kollegen des getöteten Abgeordneten, so das Paar weiter. Die Nachricht endete mit den Initialen W und C (William und Catherine). Die beiden geben damit zu erkennen, dass sie selbst die Autoren sind.

Vize-Premierminister Dominic Raab würdigte Amess als „Politiker mit gesundem Menschenverstand und einen Wahlkämpfer mit großem Herz und enormer Großzügigkeit - einschließlich für die, die nicht einer Meinung mit ihm waren.“

Unterhauspräsident Lindsay Hoyle zeigte sich „schockiert und zutiefst getroffen“. Der Vorfall werde „Schockwellen durch die parlamentarische Gemeinschaft und das ganze Land senden“, so Hoyle auf Twitter. Er kündigte zudem an, es müsse in den kommenden Tagen „eine Debatte geben über die Sicherheit von Abgeordneten und zu ergreifende Maßnahmen“.

„Das ist unbeschreiblich schrecklich“, schrieb Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon ebenfalls auf Twitter. „Meine Gedanken und herzliches Beileid gelten Davids Familie, Freunden und Kollegen. Möge er in Frieden ruhen.“

Seit 1983 im Parlament

Der Katholik galt als erzkonservativer Brexit-Befürworter, der sich gegen das Recht auf Abtreibung und für Tierrechte einsetzte. Er war auch ein entschiedener Gegner der Fuchsjagd. Amess saß seit 1983 für die Tories im britischen Parlament, zuerst für den Wahlkreis Basildon, später für Southend West.

Der Fall erinnert an den Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox 2016. Cox wurde ebenfalls bei einer Bürgersprechstunde in ihrem Wahlkreis von einem Rechtsextremisten mit einer Schusswaffe und einem Messer angegriffen. Sie starb kurz darauf an ihren Verletzungen. Der Mord an Cox ereignete sich nur wenige Wochen vor dem Brexit-Referendum. (dpa)


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