Personalnotstand in der Pflege: „Es ist fünf nach zwölf“

Ökonomen sehen die Pflege im neuen Budget stark unterdotiert. Am Dienstag demonstriert die Gewerkschaft in Innsbruck. Die Forderungen: Arbeitszeitverkürzung, mehr Geld, bezahlte Praktika.

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Am Dienstag findet wieder eine Protestaktion, diesmal beim Kreisverkehr/Olympiahalle, statt. „Bald scheppert es“, sagt Organisator Ralf Wiestner.
© GPA-djp

Von Alexandra Plank

Innsbruck – „Die Politiker sind sich des Ernstes der Lage nicht bewusst. Wir haben schon jetzt einen Personalnotstand in der Pflege. Es ist längst fünf nach zwölf.“ Ralf Wiestner, Sekretär GPA-djp Tirol, findet klare Worte.

Da sich die Pflege „im Kreis dreht“, organisiert die Gewerkschaft kommenden Dienstag eine Protestaktion beim Kreisverkehr Olympiaworld. Die Forderungen sind altbekannt: kürzere Arbeitszeiten, faire Bezahlung auch von Praktikanten, Ausweitung des Corona-Bonus auf den Sozialbereich. „Im Behindertenbereich, wo auch Großartiges geleistet wurde, bekommen ihn nur jene, die in einer Einrichtung mit Pflegeleistung arbeiten.“ Bewegung ortet Wiestner indes bei den bezahlten Praktika, die berichtete. „Gewerkschaft und SPÖ treten dafür ein, vom Arbeitsminister gab es immerhin keine Absage.“ Wiestner verweist auf das Schreiben eines Praktikanten im Behindertenbereich (Name bekannt). „Man braucht sich nicht zu wundern, dass die jungen Leute, die hochmotiviert in die Ausbildung starten, frustriert aussteigen.

Neben schlechten Arbeitsbedingungen stört Pflegende, dass die Gesellschaft ihre Arbeit falsch einschätze: „Das ist so viel mehr als Handhalten und Essen eingeben.“ Neidisch blickt Wiestner nach Deutschland, wo die Forderung nach 4000 € Brutto für Pflegende vom Gesundheitsminister positiv aufgenommen worden sei. In Österreich trete ab 1. Jänner 2022 die 37-h-Woche in Kraft. „Ziel sind 35 Stunden, wegen der sehr belastenden Arbeit.“ Nun müsse gehandelt werden. Bis 2030 brauche es 7000 weitere Pfleger. „Bald scheppert es“, warnt Wiestner.

Auch Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, drückt aufs Tempo: „Wenn es so weitergeht, müssen wir mehr darüber nachdenken, wo wir noch welche Leistungen erbringen können – und in welcher Qualität.“ Es seien auch Fehler gemacht worden: Sie verstehe nicht, wieso man in der Pandemie jenen, die vor der Pension standen, kein Angebot gemacht habe, damit sie bleiben. Stattdessen gingen sie mit Abschläge früher in Pension. Das Kompetenz-Wirrwar sei keine Entschuldigung: „Der einzelnen Pflegeperson ist diese Diskussion zwischen Bund und Ländern völlig egal.“

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Null Euro fürs Praktikum

Pflegeschüler richteten vor einem Jahr eine Petition an den damaligen LR Tilg. Die Forderung: Geld für Praktika. Passiert ist nichts. Nun berichtet Andreas X. der Gewerkschaft über sein sechswöchiges Praktikum, wöchentlich 30 h, in einer Behinderteneinrichtung. „Ich erhielt null Euro, während in der Privatwirtschaft jedes Praktikum im Zuge einer Ausbildung bezahlt wird!“ Sozialpolitik sei Showpolitik. In Summe habe er auch 600 km mit dem Pkw zurückgelegt. Pro Semester zahle er 240 € Schulgeld, macht in drei Jahren 1440 €. „Für Zuschüsse wird man im Kreis geschickt.“


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