Der Alien-Chor singt K-Pop: Coldplay präsentierten neues Album

Coldplay veröffentlicht mit „Music of the Spheres“ neue Musik. Die Briten gehen mit diesem Album ihren mit Stadionhymnen gepflasterten Weg munter weiter.

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Seit 2000 ist Chris Martin (Mitte) das Gesicht von Coldplay. „Music of the Spheres“ ist ihre 9. LP.
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Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Als Chris Martin in diesem Sommer in einem Interview davon träumte, einmal ein Konzert auf dem Mond zu geben, dachten noch alle: Na, wie drollig! Inzwischen haben zuletzt Jeff Bezos und William Shatner gezeigt, es gibt weltraumtechnisch nichts mehr gibt, das nicht geht. Coldplay auf dem Mond wird quasi minütlich möglicher. Musikalisch träumen sich die Briten längst in höhere Sphären. Am Wochenende ist ihr neues Album gelandet. „Music of the Spheres“, inspiriert von Star Wars, ein bisschen New Age – Hauptsache, es flasht ordentlich! Coldplay erhofft sich damit, dem Sturzflug der Band, der mit „Everyday Life“ (2019) endgültig besiegelt wurde, Einhalt zu gebieten. Aber eines vorweg: Dieses Manöver ist ein Himmelfahrtskommando.

Dabei steckt hinter „Music of the Spheres“ doch eine galaktische PR-Maschinerie, die alle Stückln spielt. Ihr wollt Klimaschutz? Wir spielen erst wieder live, wenn das Touren CO2-neutraler möglich ist – sagten Coldplay 2019. Ein toller Vorsatz, den sie 2022 einhalten wollen. Warum aber produzieren sie überhaupt noch Datenträger? Lorde lieferte ihre LP nur noch digital aus. Es scheint, Umdenken braucht eben auch Zeit.

Wenigstens bleibt Coldplay beweglich im Kopf – so haben sich die Musiker ab Mitte der Nullerjahre auch weit von ihrem Ausgangspunkt, der melancholischen Britpop-Band, wegbewegt. Hört man „Music of the Spheres“, klingt „Parachutes“ (2000) wie Lichtjahre entfernt. Coldplay 2021 ist künstlich verjüngt: die Musik auf Pop geliftet, inhaltliche Fältchen geglättet, stilistische Fettpölsterchen abgesaugt.

Das Pop-Skalpell schwingt bei „Music of the Spheres“ der schwedische Produzent Max Martin, der schon die Karrieren von Britney Spears, *NSYNC und Taylor Swift mitschrieb. Er verordnete Coldplay eine Impfung mit K-Pop: In „My Universe“ schüttelt sich Chris Martin mit BTS, den Backstreet Boys der Gen Z, durch einen Ohrwurm. Ja, die große Melodie liegt den Schweden.

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An diesem Talent fehlte es auch Coldplay nie, oder was machte „Yellow“ aus? Schade nur, dass jeder Track jetzt eine Stadionhymne sein muss. Bestes Beispiel: Das stressige „Higher Power“ hebt schon bei den ersten Takten ab. Ähnlich wie „Humankind“. Nur dass dessen Grundmotiv gut und gerne Intro für Helene Fischers „Rausch“ sein könnte. Und das hört man bei Weitem lieber als „People of the Pride“, das aus einem Rockmusical geklaut scheint.

Nach den vielen raketenhaften Starts fährt das Album anderswo bewusst runter. Wartet da ein neues „The Scientist“ darauf, gehört zu werden? Na ja. Die Lyrics sind ähnlich schmalzig – in „Let Somebody Go“ flüstert Martin Selena Gomez „I loved you to the moon and back“ zu. Leider ist der Sound nicht weniger kitschig. Ja, es schmerzt, jemanden gehen zu lassen. Diese Schnulze aber lässt man gerne ziehen.

Am Ende ist man verleitet, die LP mit ihren Emoji-Titeln, Alien-Chören („Biutyful“) und klanglichen Konfetti-Kanonen gedanklich auf den Mond schießen zu wollen. Einfach um den nötigen Sicherheitsabstand einzunehmen, den es bei diesem Album braucht.

Coldplay: Music of the Spheres. Parlophone.


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