Peter Grimes als schwuler Seebär im Lebens-Sturm

Unter großem Jubel kam im Theater an der Wien Benjamin Brittens „Peter Grimes“ in Christof Loys Regie wieder auf die Bühne.

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Der Seebär und sein Stricher: Eric Cutler als Peter Grimes (rechts) und Gieorgij Puchalski als dessen Gehilfe.
© Monika Rittershaus

Von Stefan Musil

Wien – Das Bett von Peter Grimes droht von der Bühnenschräge in den Orchesterabgrund zu rutschen. Man kennt das eindrucksvolle Bühnenbild von Johannes Leiacker, das augenblicklich die gefährdete Position des Titelhelden verdeutlicht. 2015 hatte die gefeierte Inszenierung von Brittens Opernhit, komponiert für seinen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears, durch Christof Loy Premiere. In seiner letzten Saison holte Intendant Roland Geyer den Erfolg wieder auf die Bühne.

Ein Fischer zerbricht darin an der Dorfgemeinschaft, vor allem aber an seinen unausgelebten Gefühlen. Das Werk spricht vieles an, aber nichts dezidiert aus, auch nichts über die Beziehung von Grimes zu seinen Gehilfen, die beide ungeklärt ums Leben kamen.

Loys Sicht packt auch deshalb so, weil er das Drama nicht einfach linear erzählt, sondern in kraftvollen Bildern konkret interpretiert: Sein Peter Grimes ist ein schwuler Außenseiter, den Tenor Eric Cutler, neu besetzt, als sympathischen Seebären gibt, mit weichem Kern, aber in seiner Zerrissenheit oft rau aufbrausend. Cutler lotet das von heldisch stark bis verzweifelt leise beeindruckend aus. Sein neuer, dritter Gehilfe ist ein Stricher, der ausdrucksstarke Tänzer Gieorgij Puchalski, der sich nicht nur Ellen Orford, die Agneta Eichenholz hochintensiv gestaltet, lasziv anbietet, sondern auch, fast erfolgreich, Kapitän Balstrode, der neben Ellen als Einziger zu Grimes hält.

Andrew Foster-Williams gibt ihn in kerniger Baritonkraft, als in seinen Gefühlen für Grimes zutiefst Verunsicherten. Zentraler Motor ist erneut der eindrucksvolle Arnold Schoenberg Chor, dazu kommt die rundum charakterstark besetzte Dorfgemeinschaft, etwa mit den einstigen Operngrößen Hanna Schwarz und Rosalind Plowright. Der junge Dirigent Thomas Guggeis und das ORF-Radiosymphonieorchester setzen Brittens orchestrale Ansprüche fabelhaft um. Das Premierenpublikum jubelte.

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