Kammerspiele: Die schillernden Schichten zwischen Scherz und Schmerz

Péter Eötvös’ Musiktheater „Der goldene Drache“ nach Roland Schimmelpfennigs gleichnamigem Stück in den Innsbrucker Kammerspielen.

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Ein Gänsehautmoment: Annina Wachter nimmt als „der Kleine“ Abschied von einer Welt, die ihm mehr als übel mitgespielt hat.
© TLT/Gufler

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Dass ein Lokal umzieht, kommt vor. Dass es sich dabei verändert, liegt nahe. Einen Asia-Imbiss namens „Der goldene Drache“ gab es am Tiroler Landestheater bereits in der Spielzeit 2016/17. Damals wurde in den vorübergehend in der Messe zwischenparkten Kammerspielen Roland Schimmelpfennigs gleichnamiges, 2010 mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis prämierte Short-Cut-Schauspiel gegeben. Nun hat es Péter Eötvös’ nach Schimmelpfennigs Stück eingerichtetes Musiktheater in die nicht mehr ganz neuen Kammerspiele ins Haus der Musik geschafft.

Mit „Der goldene Drache“ fand der ungarische Komponist nach einigen etwas mythologisch-verquasten Opern (etwa „Tragödie des Teufels“, 2010) zu klarer Klangsprache zurück: handfest, wortnah, begreifbar, zu- und ergreifend, manchmal ironisch, aber nie verwitzelnd oder offensiv die Handlung kommentierend. Die wurde im Vergleich zum Sprechstück verdichtet: Von gut 50 Szenen blieben etwa zwanzig. Das klärt die Verhältnisse nur vordergründig. Zumal es trotzdem 17, in kleinteiligen Konstellationen verbundene Figuren gibt, die von fünf Sängerinnen und Sängern verkörpert werden.

„Der goldene Drache“ spielt im und um das titelgebende „Thai-China-Vietnam-Schnell-Restaurant“: In der Küche verblutet „der Kleine“ nach dem Versuch, einen schmerzenden Zahn loszuwerden. Der Weg zum Arzt verbietet sich. Alle Küchenarbeiter sind illegal. Das faule Teil steht für die faule Migrationspolitik des Westens. Deren oft tödliche Konsequenzen werden auch in anderen Erzählsträngen gespiegelt: manchmal direkt – „der nette Herr von nebenan“ entpuppt sich als skrupelloser Zuhälter –, manchmal ganz beiläufig. Plakativ ist „Der goldene Drache“ nie: Das Stück beginnt als sozialkritisches Scherzo, wird zur grausamen Groteske und klingt mit Trauermusik aus.

Regisseur Thomas Gassner hat dafür eine schlüssige Bildsprache gefunden: Ein gefällter Baum in gekacheltem Raum, etwas Schwemmgut und Wohlstandsmüll (Bühne und Kostüm: Sven Bindseil) bilden das Dekor, um das sich die verschiedenen Erzählfäden spinnen. Alles bleibt durchwegs in Bewegung: Das Drama entwickelt sich organisch, ohne Hatz, ohne Effektheischerei.

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Die Ensembleleistung ist durchwegs überzeugend: Susanna von der Burg und Dale Albright verstehen sich mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit aufs Pingpong von Scherz und Schmerz; der junge Tenor David Kerber besticht stimmlich wie darstellerisch als malträtierte Sexarbeiterin; Christoph Filler gelingt in knallgelber Vielfliegermontur eine anrührende Studie zögerlichen Suchens – und Annina Wachter sorgt mit der finalen Abschiedsarie des „Kleinen“ für einen Gänsehautmoment.

Im Graben steuert Hansjörg Sofka das Tiroler Ensemble für Neue Musik punktgenau durch Eötvös’ schillernd-durchscheinende Klangschichten.


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