Spur führt zu Sekte: Vermisste Elfjährige aus Bayern offenbar bei leiblichen Eltern

Am Samstagnachmittag kehrt eine Elfjährige aus Bayern nicht von ihrer Joggingrunde zurück. Die Polizei sucht mit einem Großaufgebot und geht nun einem konkreten Hinweis nach: Sektenmitglieder sollen den Pflegeeltern eine Mail geschrieben haben. Demnach soll sich das Mädchen bei ihren leiblichen Eltern befinden.

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© dpa

München – Im Fall der vermissten Elfjährigen aus den bayerischen Ort Holzheim-Dillingen gibt es eine neue Spur. Das Mädchen soll bei ihren leiblichen Eltern sein. Das Paar gehört der Sekte „Zwölf Stämme" an, die sich in Tschechien aufhält. Ein Sektenmitglied habe den Pflegeeltern nun in einer E-Mail mitgeteilt, dass sich das Mädchen bei ihren Eltern befinde und es ihr gut gehe, berichtet der Bayerische Rundfunk (BR).

Die Pflegefamilie solle sich keine Sorgen machen, heißt es weiter. Signiert sei die Mail mit dem Absender „Freunde von Levi". Levi ist der Bibel zufolge einer der zwölf Stämme Israels. Ob hinter der Mail wirklich die „Zwölf Stämme" stecken, ermittelt gerade die Polizei, sagte ein Sprecher dem BR. Wenn es sich bestätigen sollte, dass die leiblichen Eltern das Mädchen mitgenommen haben, dann handle es sich hier nach aktuellem Ermittlungsstand um eine Kindesentziehung, so der Sprecher weiter. Unklar ist derzeit, wo genau sich das vermisste Kind aufhält.

Suche beendet, Fokus auf Ermittlungen

Der Pflegevater der Elfjährigen und auch die Polizei hatten bereits zuvor den Verdacht geäußert, dass die leiblichen Eltern für das Verschwinden der Elfjährigen verantwortlich sein könnten. „Nach einer Ausreißer-Geschichte sieht das nicht aus", sagte Polizeioberkommissar Markus Trieb. Zeugen haben beobachtet, dass vor der Schule des Mädchens vor einigen Tagen ein unbekanntes Auto geparkt habe. Das Mädchen könne daher freiwillig eingestiegen sein, da die leiblichen Eltern regelmäßig Kontakt mit ihrer Tochter hielten. Das letzte Treffen hat es dem Sender zufolge im September gegeben.

Die Sekte „Zwölf Stämme"

➤ „Twelve Tribes" wurde in den 70er-Jahren in den USA gegründet und hatte unter dem Namen „Zwölf Stämme" mehrere Gemeinden in Deutschland, die inzwischen nach Tschechien umgesiedelt sind.

➤ Die weltweit etwa 2000 Mitglieder glauben an die Lehren Abrahams aus der Bibel. Das heißt: Sie leben in Kommunen ohne privates Eigentum und arbeiten vor allem in der Landwirtschaft. Frauen sind Männern untergeordnet. Evolutionstheorien und Sexualkunde werden abgelehnt, weswegen ihre Kinder zuhause unterrichtet werden.

➤ Körperliche Gewalt ist bei den „Zwölf Stämmen" ausdrücklicher (!) Bestandteil der Erziehung. Sie beziehen sich dabei auf den Bibelauszug „Wer seine Rute spart, der hasst seinen Sohn, wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten." (Sprüche 13:24)

➤ Da Gewalt in der Erziehung seit 2000 in Deutschland illegal ist, kam es im September 2013 zu einer Großrazzia in den Zwölf-Stämmen-Gemeinden in Klosterzimmer und Wörnitz. 40 Kinder und Jugendliche wurden von der Polizei aus der Sekte geholt und in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht.

Seitdem versuchen die Eltern, ihre Kinder wieder zurück zu bekommen, gingen dafür bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der verteidigte jedoch die Entscheidung der deutschen Justiz.

Durch das Eingreifen der Polizei sei eine „unmenschliche und erniedrigende Behandlung" verhindert worden. Die Kinder sollen nicht in die Gemeinde zurück, da das Risiko einer „systematischen und regelmäßigen körperlichen Züchtigung" gegeben sei.

Nach dem Hinweis hat die Polizei ihre Suche nach dem Mädchen an ihrem Wohnort zunächst unterbrochen und konzentriert sich nun auf die Ermittlungen, teilte ein Sprecher der Kripo Dillingen mit. Das Mädchen wohnt laut Bild-Zeitung seit etwa acht Jahren nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern, sondern bei einer Pflegefamilie.

Razzia nach Undercover-Reportage 2013

Insgesamt habe die Familie vier Pflegekinder. Die Elfjährige sei von ihr aufgenommen worden, als sie zweieinhalb Jahre alt gewesen sei. Der Pflegevater sagte der Bild weiter: „Die tschechische Polizei war schon bei den leiblichen Eltern, da ist aber niemand und ich glaube auch nicht, dass sie dorthin zurückgefahren sind." In Tschechien lebe das Paar nun – gemeinsam mit seinem jüngsten Kind und weiteren Mitgliedern der Sekte.

Die Sekte „Zwölf Stämme" hatte im Jahr 2013 für einen Skandal gesorgt. Damals hatte sich ein RTL-Reporter bei der Sekte eingeschleust und ein Video veröffentlicht, in dem mehrere Eltern ihre Kinder mit Rohrstöcken schlugen. Daraufhin hatte die Polizei rund 40 Minderjährige aus den Gemeinschaften im schwäbischen Deiningen und im mittelfränkischen Wörnitz geholt und in staatliche Obhut, Heime und Pflegefamilien übergeben. Es folgten zahlreiche Gerichtsverfahren.

Kein deutscher Standort mehr

Damals hatte die Sekte angekündigt, nach Tschechien und in andere europäische Länder ziehen zu wollen, weil sie sich in Deutschland von Staat verfolgt fühlte. Seit 2017 lebt die Gemeinschaft nun in Tschechien, wo die körperliche Bestrafung der Kinder nicht grundsätzlich verboten ist und das Schulgesetz nicht so streng wie in Deutschland ist. (TT.com, dpa)


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