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Weinlese in der Wachau: Wenn Winzer zur Hochform auflaufen

Es wuselt im Weinberg: In den steilen Terrassenlagen der Wachau steht im Oktober die Hauptlese an. Die Trauben von Grüner Veltliner, Riesling und Co. werden in Handarbeit geerntet. Die TT durfte Top-Winzer Heinz Frischengruber (45) einen Tag lang begleiten.

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In Rossatz am rechten Donauufer hat man einen perfekten Blick auf Dürnstein und die Weingärten.
© Benjamin Kiechl

Von Benjamin Kiechl

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An der schönen blauen Donau beginnen sich die Weinblätter langsam zu verfärben. Die Tage in der Wachau werden kürzer, Heinz Frischengruber indes unruhiger. Mit dem Refraktometer in der Hand durchkreuzt der Winzer wie ein Detektiv die Weingärten. Der Zuckergehalt der Trauben ist für den 45-Jährigen nur ein Indikator, um den idealen Lesezeitpunkt zu bestimmen. Genauso wichtig sind Farbe und Aromatik der Trauben, Ausreifung und Verfärbung der Kerne. „Das hat man im Gespür“, sagt Frischengruber augenzwinkernd. Auf seiner Erkundungstour macht er in Weißenkirchen Halt, pflückt sich eine Beere, zerquetscht sie, nickt zufrieden und zückt das Handy: „Hallo Angelika, wann holen wir den MTX? Die Trauben sind reif!“ Der Müller-Thurgau-Extrem, der im Betonei spontan vergoren wird, ist ein Wein der „Backstage-Serie“.

Wer in die Wachau reist, der kommt „am Heinz“ nicht vorbei, heißt es. Die TT durfte sich zu Beginn der Lesezeit für ein paar Stunden mit dem Top-Winzer auf den Weg durch die Weinberge machen. Mit seinem gelben Bud-Spencer-T-Shirt fällt er besonders gut auf. Dazu gibt es geballtes Weinwissen, kombiniert mit Sinn für Humor. Bei Blindverkostungen die Top-Lagen wie Achleiten, Singerriedel oder Bruck spielend zu erkennen – das zeichnet Frischengruber aus, der sich unter Weinbauern genauso wohlfühlt wie am rutschigen internationalen Parkett der Weinwelt.

Die Weinbrüder aus der Wachau: Heinz Frischengruber (l.) ist Önologe, Georg (r.) führt das Familienweingut in Rührsdorf.
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Das Thema Wein wurde ihm in die Wiege gelegt. Er stammt aus einer Winzerfamilie in Rührsdorf am rechten Donauufer. Seine Lehrjahre führten ihn nach Deutschland, Kalifornien und Südafrika. Seit rund 15 Jahren hält er als Önologe und Kellermeister gemeinsam mit Geschäftsführer Roman Horvath das Wein-Flaggschiff Domäne Wachau auf Erfolgskurs. Privat darf es eine Spritztour mit dem Motorboot auf der Donau sein – doch dafür bleibe kaum Zeit.

Der neue Jahrgang muss in den Keller. Der Lesestart ist dabei abhängig von der Lage. Los geht es mit den früh reifenden Sorten Müller-Thurgau und Frühroter Veltliner. „Wir arbeiten nicht anders wie ein kleines Familienweingut. Bei uns hängt nur etwas mehr Logistik dran“, erklärt Frischengruber. Die Wachau mit den bekannten Weinorten Dürnstein, Weißenkirchen, Rossatz und Spitz hat eine Gesamtrebfläche von knapp 1300 Hektar.

Die Domäne Wachau, deren Eigentümer 250 Winzerfamilien sind, bewirtschaftet ein Drittel davon. Im Minutentakt klingelt das Handy. Die Anlieferung der Trauben ins moderne Presshaus muss genau getaktet sein. Eine Besonderheit der Wachau ist, dass 100 Prozent der Trauben mit der Hand gelesen werden. Es wuselt entlang der Donau bis hinauf auf die steilen Terrassenlagen. Früher, so heißt es, mussten die fleißigen Helfer während der Lese singen, damit man keine Trauben nascht.

Im neuen Presshaus der Domäne Wachau werden die Trauben verarbeitet.
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„Es ist die schönste Zeit im Winzerleben. Man hat einmal im Jahr die Chance, die Basis für große Weine zu legen. Die Arbeit ist mit viel positivem Stress verbunden“, unterstreicht Frischengruber, der gemeinsam mit Kellermeister Clemens Aigner voll in seinem Element ist. Die Familie mit Frau Tina und den Kindern Franziska (8) und Frederik (4) bekommt ihren Heinz zur Lesezeit kaum bei Tageslicht zu sehen. Durchhalten. „In acht Wochen ist die Lesezeit wieder vorbei“, weiß er. Trockene Witterung mache das Leben der Winzer einfacher, anhaltender Regen würde die Trauben faulen lassen. „Wir arbeiten mit der Natur, die Trauben warten nicht auf uns.“

In der Ebene entlang der Donau mit Löss- und Lehmböden wird früher gelesen. „Das ergibt fruchtige, saftige, runde Weinstile. Diese Weine werden auch zeitnaher getrunken.“ Sie sind auch etwas günstiger. Auf den steilen Terrassenlagen wie der Singerriedel mit dem kargen, puristischen Gföhler Gneis (Urgesteinsboden) als Untergrund soll das Traubenmaterial noch bis in den November hinein ausreifen. „Das bringt Spannung und Würze in den Wein. Er wird komplexer, konzentrierter und zeigt seine Herkunft“, sprudelt es aus dem Experten heraus.

Die Weingärten werden drei-, viermal gelesen. Nur zu 100 Prozent gesundes Traubenmaterial findet den Weg in die Weinpresse. In Summe ist 2021 ein eher kühleres Weinjahr. Die Reben sind nach einem langen kalten Winter erst später ausgetrieben. Der Juni mit der Weinblüte rund um die Sonnenwende war um über drei Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt. „Im Juli sind dann die Niederschläge und teils Hagel ins Land gezogen und der August war verregnet. Durch den Altweibersommer im September konnten wir bei der Traubenreife vieles wieder aufholen.“ Der Lesebeginn verzögerte sich um rund drei Wochen – am 23. September ging es in der Wachau endlich los.

TT-Redakteur Benjamin Kiechl durfte bei der Traubenernte dabei sein.
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Der Klimawandel sei merkbar, umso wichtiger sei ein gutes „Immunsystem“ der Reben. Die Extremwetterereignisse werden größer. Ein Unwetter mit eiergroßen Hagelkörnern beschädigte Ende Juli die Lagen in Rossatz und teilweise in Dürnstein. „Das Laub wurde zerstört und die Erntezeit hat sich dadurch weiter nach hinten verschoben.“ Für den Klimawandel sei die Wachau gewappnet. „Wir sind das kühlste Weinbaugebiet in Österreich“, unterstreicht Frischengruber. Während in Loiben Einflüsse des warmen pannonischen Klimas spürbar sind, wird in Spitz durch die kühlen Winde aus dem Waldviertel um 14 Tage später gelesen. Dazu kommen die unterschiedlichen Höhenlagen von der Donau auf rund 200 Metern bis hinauf zu den Terrassen auf 500 Metern.

„Die Rebe ist eine Wildpflanze und kann sich daher gut anpassen, die Wurzeln reichen bis zu 15 Meter tief. Auch wir Winzer sind flexibel. Mit Beschattung der Trauben, Begrünungsmischung und dem richtigen Lesezeitpunkt kann man viel bewirken.“ Die Wachau wird auch in Zukunft ein Weißwein-Gebiet bleiben, betont Frischengruber. Blaue Trauben wie etwa der Zweigelt werden für Traubensaft oder Rosé verwendet. Eine Ausnahme bildet „Rebell“ Erich Machherndl aus Wösendorf, der sogar Syrah kultiviert.

Der Trend geht hin zu eleganten und trinkanimierenden Weinen mit weniger Alkohol. „Vom fetten, opulenten Wein sind wir abgetrunken, wir suchen Weine mit Mineralität und Säurestruktur.“ Die Domäne Wachau setzt drauf, das Terroir der Wachau in die Flasche zu bekommen. Der Önologe läuft dabei ein ums andere Jahr zur Hochform auf. Grüner Veltliner vom Loibenberg unterscheidet sich in Aromatik und Säure deutlich von der kühlen Lage Bruck im Spitzer Graben. „Die Herkunft ist mir wichtig, es sollen puristische Weine sein.“

Hier reifen die edlen Tropfen der Wachau: Diese Eichenholzfässer fassen je 17.000 Liter.
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Der Grundstein für große Weine werde im Weingarten gelegt. Bei der Verarbeitung gäbe es „keine großen Geheimnisse“: Die Trauben werden gerebelt, es folgt eine Maische-Standzeit, um mehr Komplexität in den Wein zu holen. Der Trub wird abgesetzt. Der Most wird schonend mittels Schwerkraft über vier Stockwerke transportiert. Im Weinkeller liegt der Duft von frischer Hefe in der Luft und erinnert an Germgebäck. Frischengruber nimmt ein Glas und verkostet den Sturm. „Es gärt!“, sagt er zufrieden.

Noch bis November herrscht Lesezeit in den Terrassenlagen. Dann haben es Heinz und sein jüngerer Bruder Georg, der das Familienweingut führt, wieder geschafft, den Geschmack der Wachau ins Glas zu bringen.


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