„The French Dispatch“: Detailverliebt und frankophil

Wes Anderson bringt in „The French Dispatch“ ein fiktives Magazin auf die Leinwand. Eine sorgfältige Ode an den Qualitätsjournalismus in Star-Besetzung.

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Bill Murray gibt in Wes Andersons „The French Dispatch“ den kauzigen Herausgeber, Teil seines Team sind u. a. Elisabeth Moss (r.) oder Anjelica Bette Fellini.
© imago

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Vor etwa drei Jahren kuratierte Wes Anderson eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien, zusammen mit seiner Künstler-Ehefrau Juman Malouf. Titel und Herzstück der witzigen Kuriositäten-Collage war damals die Mumie einer Spitzmaus und die beiden hatten laut ihrer Eröffnungsrede viel Spaß bei der Recherche im Archiv des großen Museums. Viel hätte also nicht gefehlt und sein neuester Film hätte „The Vienna Dispatch“ heißen und sich um ein Museum drehen können.

Stattdessen gab Wes Anderson aber seiner Liebe zu einem Druckwerk Ausdruck, dem berühmten Magazin The New Yorker. Ihm ist das fiktive Magazin, das seinem neuesten Film den Namen gibt, nachempfunden. Tatsächlich ist „The French Dispatch“ quasi die filmische Version eines Printmagazins. Nach der liebevollen Vorstellung der kauzigen Mitarbeitenden teilt sich „The French Dispatch“ in drei große Reportagen, quasi Kurzfilme innerhalb der 104 Seiten (Minuten) seiner Hommage an das geschriebene Wort: das Künstlerporträt „The Concrete Masterpiece“ über ein inhaftiertes Genie, die politische Reportage „Revisions to a Manifesto“ über die Mai-’68-Proteste und die Gourmet-Kritik „The Private Dining Room of the Police Commissioner“ über einen Polizeikoch mit dem klingenden Namen Nescaffier.

📽️ Video | Trailer zu „The French Dispatch“

Das Magazin selbst wird in einem Prolog als Lebensprojekt des Herausgebers Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) vorgestellt, der es als Auslands-Ableger der Zeitung Liberty Kansas Evening Sun in der ebenfalls fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé gründete. Langeweile, wie der Ortsname verspricht, kommt in der dortigen Redaktion allerdings nicht auf. Eine bunte Truppe amerikanischer Expatriates berichtet über allerlei Kulturelles und Politisches und Reisereporter Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) stellt dieses zeitlose Ennui gleich zu Beginn recht launig vor.

Das alles ist Hommage und Parodie (von Frankreich ebenso wie an den gehobenen Journalismusbetrieb). Ganz harmlos ist aber auch diese liebevoll-süße Leichtigkeit nicht. Gerade im Bekenntnis zu engagiertem Reportage-Journalismus liegt durchaus etwas Politisches, nicht nur im amerikanischen Trump-Kontext, sondern auch hierzulande, im Land der Inseraten-Korruption.

Stilistisch war Wes Anderson selten so wild und detailverliebt wie hier und das will bei ihm etwas heißen. Die Narration ist, dem journalistischen Wort geschuldet, von durchgängigem, gedrechseltem Voiceover getragen und die Bilder sind zuweilen bloße sekundenlange Vignetten und Assoziationen. Mitunter wechselt er dabei auch zwischen Farbe und Schwarz-Weiß, wie es gerade passt, und sogar zwei animierte Comic-Strips setzen die Action-Szenen kostengünstig in Szene. Gedreht wurde in und um eine alte Fabrik im südfranzösischen Angoulême und Anderson tobt sich mit seinem Design-Team und seinen Co-Autoren visuell wie inhaltlich voll aus. In diesem verschwenderischen Rausch gehen zuweilen auch einige Details unter, die mehr Seiten im Magazin verdient hätten. Ganz zu schweigen von den Star-Schauspielenden, die oft mit wenigen Leinwandmomenten heillos unterfordert sind. Spaß macht das alles in seiner Überforderung aber ordentlich und lädt dabei durchaus zu mehrmaligem Durchblättern von „The French Dispatch“ ein.


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