Eine fast unbekannte Tiroler Erfolgsgeschichte

Die Tiroler Matthias und Max Kendlinger haben international als Orchesterleiter viel erreicht. Jetzt folgt ein Heimspiel in Erl.

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Matthias Georg Kendlinger (56) und Sohn Max (23) mit der Partitur von Vater Kendlingers 2. Symphonie. Auszüge daraus wird Max am Samstag in Erl dirigieren.
© Rita Falk

Von Markus Schramek

Schwendt, Innsbruck – Matthias Georg Kendlinger, Dirigent und Komponist, eröffnet das Gespräch ohne größere Umschweife: „Unser Orchester kennt man in Tirol mehr oder weniger gar nicht“, lautet die nüchterne Einschätzung des weitgereisten Künstlers, der aus dem Kaiserwinkl stammt und samt Familie immer noch in Schwendt wohnt. Denn: „Ich bin Tiroler mit Leib und Seele.“

Der Zufall führte Kendlinger vor langer Zeit nach Lemberg (Lwiw), eine Großstadt in der Westukraine, die 150 Jahre lang unter Herrschaft der Habsburger stand. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 reisten Kinder aus der Ukraine zur Erholung in den Kaiserwinkl. „So entstand der Kontakt, sonst wäre ich im Leben nicht nach Lemberg gekommen“, ist sich Kendlinger sicher.

⚠️ Galaxy of Kendlinger: Konzert verschoben

Am 30. Oktober hätten die K&K Philharmoniker aus Lemberg eigentlich im Festspielhaus Erl Werke von Matthias Kendlinger gespielt. Das Konzert wurde jedoch aufgrund der Corona-Situation kurzfristig verschoben.

Der neue Termin für 2022 wird demnächst mitgeteilt.

Er verdiente sich damals seine Brötchen als Musikveranstalter, doch mit dem Angebot war er unzufrieden. Also gründete er 2002 in Lemberg ein eigenes, privat bezahltes Orchester: die K&K Philharmoniker. Zweimal „K“ für Kendlinger & Kendlinger, eine Verbeugung vor seiner Frau Larissa: „Sie hat das finanzielle Risiko mitgetragen. Förderungen bekamen wir nie, und wir wollen auch keine.“ Ein Chor und ein Ballett rundeten die Neugründungen ab, später folgte ein Symphonieorchester.

Zeitweise waren mehr als 80 MusikerInnen auf Tour mit Kendlinger als Dirigent. Diese Fertigkeit brachte sich der Autodidakt selbst bei, später kam das Komponieren dazu: „Ich merkte als Zuhörer, dass ich über ein geschultes Ohr verfüge.“

Die Zahlen sind stark, und so überrascht es dann doch, dass Kendlinger in Tirol unterhalb des Wahrnehmungsradars blieb: 3000 Konzerte haben die Orchester des Unterländers in halb Europa absolviert, mit Werken von Mozart, Beethoven und (sehr publikumsträchtig) von Johann Strauß Vater und Sohn, in Top-Locations wie der Elbphilharmonie oder dem Gewandhaus Leipzig. „Wir haben schon vor 3,5 Millionen Gästen gespielt“, nennt Kendlinger eine weitere verblüffende Kennzahl.

In Tirol steht der erste große Auftritt der K&K Philharmoniker, spät, nun aber doch, unmittelbar bevor – noch dazu nur ein paar Kilometer vom heimatlichen Schwendt entfernt. Kommenden Samstag steigt im Festspielhaus Erl eine Gala mit Musik von Matthias Kendlinger, stilistisch „eine Mischung aus Klassik, Filmmusik und Jazz“, wie der Notenverfasser es selbst beschreibt.

Das Konzert bedeutet für Kendlinger auch eine Art Rückkehr (seine erste Komposition sowie die druckfrische Autobiografie heißen vielsagend „Der verlorene Sohn“). Zu den Festspielen hat der heute 56-jährige Kendlinger nämlich eine spezielle Beziehung. In der Gründungsphase in den 90er-Jahren werkte er an der Seite Gustav Kuhns als kaufmännisch Verantwortlicher, nach 1,5 Jahren war dann aber Schluss („Der Gustav war mir damals schon etwas böse“). Aktuell sieht er die Festspiele „in einer schwierigen Lage“. Der unrühmliche Abgang Kuhns habe das Image beschädigt: „Ich werde im Ausland oft darauf angesprochen.“

Matthias K. hat seinen Sohn Max zum Interview mitgebracht. Denn im Hause Kendlinger wurden die Rollen neu verteilt. Max trat als Dirigent in die Fußstapfen des Vaters, der sich ganz dem Komponieren widmet.

Max, heute 23, hatte erstmals mit 13 den Dirigentenstab überreicht bekommen – irgendwie im Halbernst, wie sich Vater und Sohn erinnern.

Max wollte schon in ganz jungen Jahren unbedingt den Radetzky-Marsch leiten. Bei einem Strauß-Abend in der Tonhalle Düsseldorf war es vor zehn Jahren dann so weit. „Magst du jetzt den Radetzky-Marsch dirigieren?“, fragte der Vater den Sohn vor der letzten Zugabe. Matthias Kendlinger hätte „nie gedacht, dass der Sohn es wirklich macht“. Doch der Filius bezog Aufstellung vor dem Orchester und dirigierte das Konzertfinale unter tosendem Beifall.

Seither bildet sich Max als Orchesterdirigent mit Privatlehrer weiter „und wird immer besser“, wie der Vater anerkennend einwirft. Das nächste Kapitel einer Erfolgsstory mit Ursprung im beschaulichen Schwendt ist damit geschrieben.


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