Kunsthaus Bregenz: Unterwegs auf dem Pfad der Verödung

Otobong Nkanga lotet im Kunsthaus Bregenz Werden und Vergehen aus. Mit einer Tanne und 50 Tonnen Lehm.

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Vom White Cube weit entfernt: Das 3. Obergeschoß im Kunsthaus Bregenz wurde mit Otobong Nkanga zur dystopischen Museumslandschaft.
© KUB/Tretter

Von Barbara Unterthurner

Bregenz – Überrascht zeigte sich Otobong Nkanga, als sie vor rund einem Jahr erfuhr, dass sie im internationalen Ranking des „Kunstkompasses“ die Liste der „Stars von morgen“ anführt. In einem Interview mit der deutschen Presse sagte sie daraufhin aber auch, dass ihre Zukunft als Künstlerin nicht von Rankings abhänge, sondern eher von den Möglichkeiten der Existenz auf unserem Planeten. Eine Aussage, die auf ihre künstlerische Herangehensweise hinweist. Seit Jahren arbeitet die Künstlerin, die in Nigeria geboren wurde und heute in Antwerpen lebt und arbeitet, künstlerisch an der Beziehung von Mensch und Erde.

Vor dem Hintergrund der drohenden Klimakrise bekommt ihre Arbeit inzwischen neue Dringlichkeit. Die Folgen unseres Umgangs mit der Welt lassen sich auch in ihrer neuesten Ausstellung nicht einfach ausblenden. Im Kunsthaus Bregenz eröffnete am Wochenende die Einzelausstellung von Nkanga. Wie alle künstlerischen Interventionen im Haus spannt sich auch diese über vier Stockwerke. Vom Erdgeschoß bis unters gläserne Dach folgt Nkanga nun dem Pfad der Verödung.

Als Wegweiser dient dabei eine riesige Weißtanne aus dem Bregenzer Wald. Mit ihren 33 Metern Länge scheint sie den Bau von innen aufzuspießen, durchdringt ihr Stamm doch jede Ausstellungsebene. Vom White Cube ist Nkangas Schau weit entfernt, neben dem monumentalen Waldbewohner wurden auch 50 Tonnen Lehmerde ins Haus gekarrt. Gemeinsam mit Lehmbauexperte Martin Rauch entstand eine Museumslandschaft, die im Erdgeschoß in einer großen Pfütze beginnt und in einer bald vertrockneten Steppe endet.

Gewächshäuser in Kugelform

Dazwischen pflanzt Nkanga Gewächshäuser in Kugelform, eng mit der absterbenden Weißtanne verwachsen. Werden und Vergehen sind mit Seilen verbunden. Erst im dritten Geschoß herrscht endgültig Endzeitstimmung. Hoffnung? Fehlanzeige. Nur wer genau hinsieht, wird im Lehm zarte Keimlinge entdecken. Aber es sind zu wenige, um noch an eine mögliche Wende zu glauben.

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Bildstark erzählen dann nur noch Nkangas beeindruckende Tapisserien vom zunehmend fehlenden Element Wasser. Auch ihre Stoffarbeiten begleiten die BesucherInnen von einem Stockwerk ins nächste. Vom Meeresgrund tauchen sie an die Oberfläche auf und ebenso durch Jahreszeiten und Katastrophen hindurch. An Fischernetzen und im Meer sterbenden Menschen, Prothesen und Müll lässt es sich hier nicht einfach vorbeischwimmen. Und unterm Dach steht die Welt auch dort in Flammen.

Nur die Pflanzen finden einen Weg zum Überleben, prophezeit Nkanga im Video zur Ausstellung. Und der Mensch? Muss er erst vergehen, damit Neues entsteht? Und was kann die Kunst ausrichten? Sie bleibt bei Nkanga quasi Überlebensmittel. Und ermöglicht in Bregenz aktuell eine Schau, deren Direktheit man sich gar nicht entziehen kann und darf.


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