„Helden der Wahrscheinlichkeit“: Die brutale Zufälligkeit des Lebens

„Helden der Wahrscheinlichkeit“ ist ein großartiger, vielschichtiger Film: Familiendrama und schwarze Komödie gleichermaßen.

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Mads Mikkelsen (stehend in der Mitte) spielt in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ einen Vater, der einen Rachefeldzug plant.
© Lunafilm

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Zufälle fordern uns Menschen heraus, besonders solche der negativen Art. Das zeigt auch der dänische Spielfilm „Retfærdighedens Ryttere“, der hierzulande den Zusatztitel „Helden der Wahrscheinlichkeit“ trägt, auf großartige Weise.

Es geht um ein tragisches Ereignis, das eine Familie sprichwörtlich aus der Bahn wirft. Elitesoldat Markus (Mads Mikkelsen) und seine Teenagertochter Mathilde (Andrea Heick Gadeberg) verlieren ihre Frau bzw. Mutter beim Zusammenstoß zweier U-Bahn-Züge.

Der bärtige Krieger-Vater meint auch an der Heimatfront zu wissen, wie mit dem Tod umzugehen sei. Er lehnt jede Therapie und Hilfe ab – frisst Wut und Trauer in sich hinein. Die Tochter dagegen versucht die schicksalshafte Ereigniskette zu rekonstruieren, vom gestohlenen Fahrrad, dem defekten Auto über die verpasste frühere U-Bahn wegen eines Anrufs des Vaters bis hin zu dem Mann, der ihrer Mutter seinen Sitzplatz angeboten hat.

📽️ Trailer | „Helden der Wahrscheinlichkeit“

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Der heißt Otto und glaubt als Versicherungsmathematiker naturgemäß nicht an einen simplen Zufall. Viel wahrscheinlicher sei es, dass ein Kronzeuge im Prozess gegen eine Rocker-Gang (die im Englischen titelgebenden „Riders of Justice“) beseitigt werden sollte.

Soldat Markus ist nur allzu froh, seine Trauer in ihm vertraute zielgerichtete Gewalt überführen zu können. Zusammen mit Otto und dessen, nun ja, verhaltensauffälligen Freunden Lennart und Emmenthaler will er selbst für Gerechtigkeit sorgen – oder zumindest Rache an den Kriminellen nehmen. Fraglich ist jedoch, ob diese toxische Trauerarbeit Markus’ und Mathildes Frage nach dem Warum wirklich beantwortet.

„Es ist eine harte Erkenntnis zu akzeptieren, dass alles um uns herum ausschließlich vom Zufall bestimmt wird. Der Film verdeutlicht, wie sehr unser Leben ins Schwanken gerät, wenn das Unvorstellbare plötzlich eintritt“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der mit „Adams Äpfel“ 2005 bekannt wurde.

Mit seinen „Helden der Wahrscheinlichkeit“ gelingt ihm eine intelligente und fast nahtlose Kombination von gemeinhin schwer zu Vereinbarem: eine absurde, schwarze Komödie mit herrlich verkorksten Nebenfiguren und zugleich ein schonungsloses Familiendrama über Trauer und Sinnsuche. Dazu kommen noch einige gewaltvolle Racheszenen. Wirklich brutal ist aber die unfaire Zufälligkeit des Lebens. Und dagegen helfen am Ende auch keine Maschinengewehre.


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