Gut zu wissen: Wo die Welt bei Klimawandel und Klimaschutz steht
Die Folgen des Klimawandels werden immer drastischer spürbar. Klar ist: Es brennt – und es muss etwas getan werden. Aber wo ist der Wille, wo ist das Geld?
Glasgow – Überschwemmungen in Österreich und Deutschland, Dürre in der Sahel-Zone in Afrika, Waldbrände in Amerika, Hitze in Sibirien: Es gibt kaum noch Naturkatastrophen, zu denen der Klimawandel nicht beigetragen hat. Die Erwärmung der Atmosphäre sorgt dafür, dass sich außerordentliche Wetterlagen häufen und extremer werden.
Bei der 26. Weltklimakonferenz (COP26) treffen sich vom 31. Oktober bis zum 12. November Delegierte aus aller Welt im schottischen Glasgow mit dem Ziel, Maßnahmen im Kampf gegen die Klimakrise stärker voranzutreiben.
Ein Überblick über das, was durch die Klimakrise noch kommen könnte – und das, was die Welt derzeit dagegen unternimmt.
💡 COP
... ist die Abkürzung der UNO-Klimakonferenzen, dahinter steht „Conference of the Parties" also auf Deutsch die Vertragsstaatenkonferenz. Die COP1 fand in 1995 in Berlin statt.
🌎 Wie ist die aktuelle Lage?
Das Klima hat sich im Vergleich zum vorindustriellen Niveau (1850 bis 1900) bereits um 1,1 Grad erwärmt. Das ist die globale Mitteltemperatur, die Regionen sind unterschiedlich betroffen.
Das hat drastische Folgen: Der Meeresspiegel steige so schnell wie seit rund 3000 Jahren nicht mehr, der Gletscherrückgang sei so stark wie seit etwa 2000 Jahren nicht mehr, berichteten die Wissenschafter des Weltklimarats IPCC im August. Die Konzentration des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) in der Atmosphäre ist demnach die höchste seit etwa zwei Millionen Jahren.
Die Menschen müssten sich auf mehr Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen und Hitze einstellen.
🌎 Was soll getan werden?
2015 schlossen mehr als 190 Staaten in Paris ein Klimaabkommen. Sie einigten sich auf das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, und möglichst 1,5 Grad zu erreichen. Dazu sollten alle Länder Aktionspläne auflegen. Auf dem richtigen Pfad sind aber nur wenige.
Für das 2-Grad-Ziel muss die Welt nach Ansicht des IPCC spätestens zwischen 2050 und 2070 Klimaneutralität erreichen. Das bedeutet, dass nur noch höchstens so viel Treibhausgas ausgestoßen werden darf, wie Senken aufnehmen können.
🌎 Wie sieht die Realität aus?
Ziele schön und gut – doch die Regierungen handeln nicht zielführend: Nach den bisherigen Plänen werden 2030 einem Bericht des UN-Umweltprogramms Unep zufolge mehr als doppelt so viele klimaschädliche fossile Brennstoffe produziert wie mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar. Selbst, wenn alle angekündigten Schritte für sauberere Energie umgesetzt würden, wird der CO2-Ausstoß laut der Internationalen Energiebehörde IEA bis 2050 nur um 40 Prozent sinken.
🌎 Was will die EU tun?
Die EU will bis 2050 klimaneutral werden. Im Dezember 2020 bekräftigten die EU-Regierungen das verbindliche EU-Ziel, die Treibhausgasemissionen in der Union schon bis 2030 netto um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.
🌎 Wer sind die größten Treibhausgasverursacher?
China und die USA sind in absoluten Zahlen die größten Treibhaugasverursacher, vor Indien. China hatte 2019 nach Zahlen des Global Carbon Projects einen Anteil von fast 28 Prozent an der globalen Gesamtmenge im Jahr, die USA knapp 14 Prozent.
Pro Kopf stoßen unter den größeren Industrieländern Australier, US-Amerikaner und Kanadier die meisten Treibhausgase aus, rund 16 Tonnen im Jahr. China liegt mit 7,1 Tonnen noch hinter Deutschland mit 8,4 Tonnen. Diese Zahlen stammen aus dem Datenprojekt OurWorldInData der Oxford-Universität und beziehen sich auf 2019.
🌎 Was wollen sie tun?
In China wächst der Ausstoß noch und soll nach dem Willen der Regierung erst ab 2030 fallen. Die Regierung strebt Klimaneutralität bis 2060 an.
Die USA waren unter Ex-Präsident Donald Trump in Sachen Klimaschutz vier Jahre abgetaucht. US-Präsident Biden will den Treibhausgasausstoß bis 2030 auf die Hälfte von 2005 reduzieren.
🌎 Wer hat seit 1750 die meisten Treibhausgase ausgestoßen?
In Schwellenländern wie Indien steigen die Emissionen weiter stark. Sie argumentieren, dass sie auch die Chance zur Industrialisierung brauchen. Für den Großteil der Treibhausgase in der Atmosphäre seien die Industrieländer verantwortlich. Das stimmt.
Auf die USA entfällt seit 1750 rund ein Viertel der gesamten CO2-Emissionen, rund 410 Milliarden Tonnen (bis 2019), wie OurWorldInData zeigt. Chinas Anteil liegt bei rund 220, Russlands bei 114, Deutschlands bei rund 92, Indiens bei 52 Milliarden Tonnen.
🌎 Wer leidet am meisten unter dem Klimawandel?
Regionen, die am wenigsten Treibhausgase ausgestoßen haben, spüren den Klimawandel mitunter am deutlichsten: Inselstaaten im Pazifik erleben den Meeresspiegelanstieg, Grönland den Eisschwund, und in Afrika sind die Folgen mit mehr und heftigen Extremwetterlagen wie Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Erdrutschen laut Weltwetterorganisation (WMO) stärker zu spüren als im globalen Durchschnitt.
🌎 Warum macht die Corona-Pandemie alles noch schlimmer?
Im ersten Corona-Jahr 2020 sind die Treibhausgasemissionen durch die pandemiebedingte Einschränkung des Wirtschaftslebens und den massiven Rückgang des Flugverkehrs zwar leicht zurückgegangen.
Weil Sozialmaßnahmen und die Wiederankurbelung der Wirtschaft viel Geld kosten, pochen manche Länder jetzt darauf, dass wirtschaftliche Erholung Vorrang vor dem Klimaschutz haben muss. Manche Regierungen unterstützen ärmere Länder deshalb weniger beim Klimaschutz. 2021 kürzte Großbritannien die Entwicklungshilfe von 0,7 auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
🌎 Warum soll die Konferenz in Glasgow mehr bringen als die in Paris?
Hier sei ein Name genannt: Greta Thunberg. Die Schwedin begann 2018 mit damals 15 Jahren einen „Schulstreik für das Klima“. Sie elektrisierte damit Millionen junge Menschen in aller Welt, die seitdem als Bewegung „Fridays for Future“ Klimastreiks und andere Aktionen auf die Beine stellen.
Ebenfalls seit 2018 agiert die Bewegung „Extinction Rebellion“, die mit zivilem Ungehorsam – etwa Blockaden und Besetzungen – mehr Einsatz der Regierungen zum Erhalt von Arten und gegen den Klimawandel fordert. Dadurch, und durch die sich häufenden Naturkatastrophen ist das Thema Klimaschutz wie nie zuvor in den Fokus gerückt.
🌎 Was soll in Glasgow erreicht werden?
Insgesamt sollen Länder deutlich ehrgeizigere Aktionspläne zur Reduzierung der Treibhausgase vorlegen. 90 haben das bereits getan. Die reichen Länder sollen ihr Versprechen von 2009 einlösen, jedes Jahr 100 Milliarden Dollar für den Klimaschutz in ärmeren Ländern bereitzustellen. Alle Länder sollen den Kohleausstieg beschleunigen, Wälder als CO2-Senken sollen besser geschützt werden. (dpa, TT.com)
💬 UNO-Klimakonferenz in Glasgow mit starken Appellen begonnen
Mit leidenschaftlichen Appellen zu mehr Klimaschutz und eindringlichen Warnungen vor den fatalen Folgen der Erderwärmung hat die Weltklimakonferenz am Sonntag begonnen. Die Klimachefin der Vereinten Nationen, Patricia Espinosa, sagte vor dem Plenum, ein Weiter-so beim Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase komme einer „Investition in unsere eigene Auslöschung" gleich. Die bisherigen Pläne reichen zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe nicht aus. „Entweder wir setzen auf eine schnelle und großangelegte Reduzierung der Emissionen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Oder wir akzeptieren, dass die Menschheit einer düsteren Zukunft auf diesem Planeten entgegenblickt", betonte Espinosa.
Ein herber Dämpfer kam jedoch bereits zu Beginn der Klimakonferenz vom G20-Gipfel aus Rom: Die großen Wirtschaftsmächte scheiterten daran, ein starkes Signal für mehr Klimaschutz nach Glasgow zu senden. Wie aus dem ausgehandelten Text für das Kommuniqué hervorgeht, gibt es weiter kein klares Zieldatum für die wichtige Kohlendioxidneutralität und den Ausstieg aus der Kohleverstromung.
Der britische Präsident der COP26, Alok Sharma, sagte vor dem Plenum, das Fenster, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, schließe sich. Glasgow müsse halten, was Paris versprochen hat. „Diese COP ist unsere letzte große Hoffnung, 1,5 Grad im Rahmen des Möglichen zu halten. Diese internationale Konferenz muss liefern." Auch der Papst ermutigte die Staaten zu mehr Klimaschutz. „Beten wir, dass der Schrei der Erde und der Schrei der Armen gehört werden", sagte Franziskus vor zahlreichen Menschen auf dem Petersplatz in Rom.
Unter den rund 25.000 Menschen, die in Glasgow erwartet werden, sind auch zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten, die auf den Straßen für eine ehrgeizigere Klimapolitik protestieren wollen. Die weltweit prominenteste Aktivistin Greta Thunberg verteidigte in einem BBC-Interview auch radikalere Protestformen. Manchmal sei es notwendig, einige Menschen zu verärgern, um auf Themen aufmerksam zu machen, sagte die 18-jährige Schwedin. „Die Schulstreik-Bewegung wäre nie so bekannt geworden, wenn es keine Reibungen gegeben hätte, wenn einige Leute nicht angepisst gewesen wären", sagte Thunberg. Wichtig sei aber, dass niemand bei den Demonstrationen verletzt werde.
Proteste dürfte es auch am Montag geben, wenn die große Polit-Prominenz in Glasgow eintrifft: Erwartet werden neben Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) und seiner deutschen Amtskollegin Angela Merkel und dem britischen Gastgeber Boris Johnson auch US-Präsident Joe Biden sowie die Präsidenten der Türkei, Spaniens, Ägyptens, Indonesiens und die Spitzen der EU. Der britische Thronfolger Prinz Charles wird die Eröffnungszeremonie des Gipfels am Montag einleiten.
📽️ Video | Berichte aus Rom und Glasgow:
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