UNO-Chef Guterres zu Klimaschutz: "Wir graben uns unser eigenes Grab"

Guterres äußerte Zweifel an den Klimaschutzversprechen mancher Staaten. Selbst, wenn alle tatsächlich eingehalten würden, steige die Erwärmung zur Jahrhundertwende auf 2,7 Grad über vorindustriellem Niveau.

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Der britische Premier-Minister Boris Johnson (l.) mit UN-Generalsekretär Antonio Guterres (r.) und US-Präsident Joe Biden.
© Alastair Grant via www.imago-images.de

Glasgow – Die von den Staaten weltweit versprochenen Anstrengungen beim Klimaschutz reichen nach Worten von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hinten und vorne nicht aus, um eine Katastrophe abzuwenden. Er rief die Regierungsvertreter auf der Weltklimakonferenz am Montag in Glasgow auf, mehr zu tun. "Wir graben unser eigenes Grab", warnte Guterres bei der feierlichen Auftaktveranstaltung mit Dutzenden Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP).

Regierungen müssten Subventionen für fossile Brennstoffe beenden, aus der Kohle aussteigen und einen Preis für sämtliche Emissionen festlegen, verlangte er. "Es ist an der Zeit, zu sagen: Genug", sagte Guterres. "Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird. Genug Brände, Bohrungen und Bergbau in immer tiefere Lagen."

Guterres äußerte Zweifel an den Klimaschutzversprechen mancher Staaten. Selbst, wenn alle tatsächlich eingehalten würden, steige die Erwärmung zur Jahrhundertwende auf 2,7 Grad über vorindustriellem Niveau. "Wir steuern immer noch auf eine Klimakatastrophe zu", sagte er. Guterres rief die reichen Länder auf, ihr Versprechen von 2009, ärmeren Ländern jedes Jahr 100 Milliarden Dollar für die Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung zu stellen, endlich umzusetzen.

Prinz Charles machte sich im Rahmen der COP 26 auch mit eindringlichen Worten für den Klimaschutz stark.
© Paul ELLIS / AFP

Treffen muss "die Bombe entschärfen"

Der britische Premierminister Boris Johnson als Gastgeber nahm die Staats- und Regierungschefs ebenfalls in die Pflicht. Das Treffen müsse "diese Bombe" entschärfen und "der Anfang vom Ende" des zerstörerischen Klimawandels werden, sagte Johnson zu Beginn der feierlichen Eröffnungszeremonie am Montag in Glasgow. "COP26 kann und darf nicht das Ende der Geschichte sein." Man habe mit dem Pariser Klimaabkommen ein Rettungsboot geschaffen, dem man nun einen Schubs in die Richtung einer grüneren, saubereren Zukunft geben müsse.

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"Es ist eine Minute vor Mitternacht auf der Uhr des Weltuntergangs", sagte Johnson. "Wir fühlen uns vielleicht nicht wie James Bond und sehen vielleicht auch nicht so aus." Aber mit Blick auf den Film-Geheimagenten und die Gefahr der Erderwärmung sagte er: "Lasst uns diese Bombe entschärfen." Man habe nun die einmalige Chance, das Ruder herumzureißen und dafür zu sorgen, dass kommende Generationen die heutigen Mächtigen nicht verurteilen würden, sagte der Premier zu seinen Amtskolleginnen und -kollegen.

Bundeskanzler Alexander Schallenberg und der luxemburgische Premier Xavier Bettel (r.) im Rahmen des COP26-Gipfels in Glasgow.
© APA/BKA/ARNO MELICHAREK

Chinas Präsident Xi Jinping wird auf dem Gipfel in Glasgow indes weder persönlich sprechen noch sich per Video zuschalten. Wie aus der am Montag abrufbaren Version der offiziellen Rednerliste hervorging, soll stattdessen ein schriftliches Statement von Xi Jinping auf der Website des Gipfels veröffentlicht werden. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums wollte dies zunächst nicht bestätigten. Kein Land produziert eine so große Menge klimaschädlicher Treibhausgase wie China.

USA setzen China unter Druck

Die USA setzten China indes zu Beginn der Weltklimakonferenz unter Druck. Das Land habe eine Verpflichtung, seine Ziele zu verschärfen, sagte US-Sicherheitsberater Jake Sullivan am Montag auf dem Flug mit Präsident Joe Biden nach Glasgow. China als weltgrößter Treibhausgas-Emittent sei dazu absolut in der Lage. Der Stand der Beziehungen zu den USA sei kein Grund, beim Klimaschutz nicht zu handeln. Biden werde am Montag eine starke Rede mit einem Bekenntnis zu einer Führungsrolle der USA im Kampf gegen den Klimawandel abliefern.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte unterdessen seine Teilnahme am Klimagipfel nach eigenen Angaben wegen mangelnder Sicherheitsstandards kurzfristig ab. "Nachdem unseren Anforderungen nicht entsprochen wurde, haben wir darauf verzichtet, nach Glasgow zu reisen", sagte Erdogan nach einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu vom Montag. Das türkische Parlament hatte im vergangenen Monat als letztes G20-Land das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. (APA/dpa/Reuters)

Eisschmelze in Grönland erhöht Überschwemmungsrisiko weltweit

Grönlands Eisschild ist einer neuen Studie zufolge in den vergangenen zehn Jahren um etwa 3,5 Billionen Tonnen geschmolzen und hat damit den Meeresspiegel um einen Zentimeter ansteigen lassen. Laut der am Montag in der Zeitschrift "Nature Communications" veröffentlichten Studie fielen allein zwei Drittel davon in den Hitzesommern 2012 und 2019 an. Dies weise darauf hin, dass Hitzewellen infolge der Klimaerwärmung eine besonders große Rolle bei der Eisschmelze spielen.

Für die Studie hatten die Forscher erstmals Satellitendaten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA ausgewertet. Diese halfen ihnen, den tatsächlichen Verlust in einem bestimmten Jahr schnell und genau abzuschätzen und die Auswirkungen auf den Anstieg des Meeresspiegels umzurechnen. Unter anderem fanden sie heraus, dass 2012, als ungewöhnlich warme Luft wochenlang über dem Eisschild gehangen hatte, 527 Milliarden Tonnen Eis verloren gingen.

"Wie überall auf der Welt ist auch Grönland anfällig für eine Zunahme extremer Wetterereignisse", erklärte Studien-Hauptautor Thomas Slater von der Universität Leeds in Großbritannien. Angesichts der kontinuierlichen Klimaerwärmung sei deshalb damit zu rechnen, "dass extreme Schmelzen in Grönland häufiger auftreten werden".

Mit einer Fläche von fast 1,8 Millionen Quadratkilometern ist Grönlands Inlandeis der zweitgrößte Eisschild nach der Antarktis. Es bereitet den Wissenschaftern besondere Sorge, da die Erwärmung in der Arktis dreimal so schnell verläuft wie in anderen Teilen der Welt.

Nach den Berechnungen Slaters und seiner Kollegen hat die Schmelze des Grönland-Eisschilds in den vergangenen Jahren um 21 Prozent zugenommen. Die Schmelze von 2011 bis 2019 und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels um einen Zentimeter habe Küstenregionen weltweit einem höheren Risiko von Überschwemmungen ausgesetzt, heißt es in der Studie.

Ihre Methode helfe, "ein besseres Verständnis der komplexen Prozesse der Eisschmelze" zu entwickeln, erklärte Mitautorin Amber Leeson von der britischen Lancaster University. Demnach deuten die Modellschätzungen darauf hin, dass Grönlands Eisschild "bis zum Jahr 2100 zwischen drei und 23 Zentimeter zum weltweiten Anstieg des Meeresspiegels beitragen wird."


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