Die Staatsspitze gedachte der Opfer des Wiener Terroranschlages vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr tötete ein IS-Sympathisant in Wien innerhalb von neun Minuten vier Menschen und verletzte 20 weitere, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Die Republik und die Stadt Wien hielten aus diesem Anlass heute Gedenkveranstaltungen ab. „Es gibt wenig Tröstendes, das wir sagen können", sagte der Bundespräsident.

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„Wir denken an Gudrun, Nedjip, Qiang und Vanessa", sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen in Erinnerung an die Toten.
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Wien – In Wien hat am frühen Abend die Staatsspitze der Opfer des Terroranschlags vor einem Jahr gedacht. Am 2. November 2020 hatte ein IS-Sympathisant vier Menschen in der Wiener Innenstadt getötet und 20 verletzt, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Die Gedenkveranstaltung der Republik wurde in der Ruprechtskirche abgehalten, in deren unmittelbarer Nähe damals die Schüsse gefallen sind.

An der Gedenkveranstaltung nahmen auch Angehörige der Opfer teil.
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„Es gibt keine Worte, die angemessen wären angesichts dessen, was hier draußen vor dieser Kirche passiert ist vor einem Jahr", befand Bundespräsident Alexander Van der Bellen in seiner Rede. Alles was er tun könne, sei, den Angehörigen die tief empfundene Anteilnahme im Namen der Republik Österreich auszudrücken. Nichts könne dafür entschädigen und wieder gutmachen, was geschehen sei.

📽️ Video | Rede von Bundespräsident Van der Bellen

„Am Ende bleibt es kalter Mord"

Der Bundespräsident nannte die Vornamen der getöteten Opfer, Gudrun, Nedzip, Qiang und Vanessa. Jeweils vier Kerzen, die am Altar sowie am Aufgang zum Altarraum postiert worden waren, erinnerten ebenfalls an sie. Van der Bellen hob auch das Leid der Verletzten hervor und dankte der Exekutive: „Sie haben uns alle verteidigt." Er würdigte auch jene Menschen, die in der Terrornacht Passanten geholfen haben.

Sympathisanten sowie Unterstützern des Täters wolle er sagen: „Sehen sie genau her." Am Ende sei es immer ein Mensch, der einem anderen Menschen etwas antue. „Am Ende bleibt es kalter Mord", sagte Van der Bellen.

Die abendliche Gedenkfeier fand in der Ruprechtskirche in Wien statt.
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Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) zeigte sich überzeugt: „Der 2. November ist ein Datum, das in Österreich nie wieder indifferent sein wird. Nicht für uns als Gesellschaft, aber schon gar nicht für diejenigen, denen an diesem Tag ein Familienmitglied, ein Freundin, ein Freund, ein geliebter Mitmensch brutal entrissen wurde." Es sei jener Tag, an dem der Terror auch in Österreich seine „Fratze" gezeigt habe.

Intoleranz nicht tolerieren – egal woher

Auch er hielt fest, dass man sich kaum ausmalen könne, was die Hinterbliebenen im vergangen Jahr durchlitten hätten. Ihnen allen gelte das tief empfundene Mitgefühl. Die Gedanken seien auch bei all jenen, die durch den feigen Anschlag verletzt wurden und die noch heute darunter leiden würden. Der Kanzler verwies jedoch ebenfalls darauf, dass die Gesellschaft damals zusammengehalten habe.

📽️ Video | Rede von Bundeskanzler Schallenberg

Man werde, so beteuerte Schallenberg, Intoleranz nicht tolerieren – egal, ob die Radikalisierung aus dem In- oder dem Ausland komme, egal, ob sie online oder offline geschehe: „All jenen, die versuchen Hass und Zwietracht zu säen, muss klar sein, dass sie die volle Härte des Gesetzes spüren werden." Ihnen müsse ganz klar gesagt werden, dass Hass, Intoleranz und Extremismus keinen Platz in der offenen, pluralistischen Gesellschaft hätten. Es dürfe dem Terror nicht gelingen, die Gesellschaft zu spalten.

Bundeskanzler Alexander Schallenberg.
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„Unser aller Fassungslosigkeit ist auch nach einem Jahr noch spürbar", sagte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP). Der Anschlag habe „unauslöschliche Spuren" hinterlassen und tiefe Wunden in die Gesellschaft geschlagen. Österreich sei nun kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte des Terrors. Er verwies unter anderem darauf, dass es wichtig sei, im Vorfeld Radikalisierung zu erkennen und zu verhindern.

Immer wieder gebe es Menschen, die glauben würden, Gewalt sei die Lösung, warnte Kardinal Christoph Schönborn. „Warum geschieht es immer wieder?" Ausgangspunkt sei offenbar stets eine „fundamentale Unzufriedenheit mit der Welt wie sie ist". Die Saat werde oft in den Herzen und Köpfen junger Menschen ausgesät. Das Gegenbild, so zeigte er sich zuversichtlich, sei aber stärker. Der Geist der Gemeinschaft habe sich an jenem Abend beeindruckend manifestiert.

Mitglieder der Wiener Stadtregierung mit Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) bei der Kranzniederlegung am Vormittag.
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Die Gedenkveranstaltung in der Ruprechtskirche – an der auch weitere Regierungsmitglieder und Vertreterinnen und Vertreter der Parlamentsparteien teilnahmen – wurde musikalisch von den jungen Musikerinnen der Gruppe „Weil ma glaubn" begleitet werden. Sie probten in der Stunde des Anschlages vor einem Jahr in dem kleinen Sakralbau, der als die älteste Kirche der Stadt gilt. Der Attentäter war nur wenige Meter von dieser entfernt am Ruprechtsplatz von Einsatzkräften der Polizei erschossen worden, nachdem er vier Personen getötet hatte. „Heute wird der Gesang zu Ende gesungen", sagte Schönborn: „Das sind die Zeichen der Hoffnung."

📽️ Video | Musikalische Einlage der Gruppe „Weil ma glaubn"

29 Polizisten ausgezeichnet

Das Gedenken ist mit einer Würdigung der Leistungen der Polizei Dienstagabend abgeschlossen worden. Bei einer Veranstaltung im Hof der Rossauer Kaserne in Wien wurden 29 der damals im Einsatz befindlichen Exekutivkräfte ausgezeichnet. Innenminister Karl Nehammer und Bundeskanzler Alexander Schallenberg (beide ÖVP) würdigten das Vorgehen der Polizei, das weiteren Verlust von Menschenleben verhindert habe.

Die gut einstündige Veranstaltung, an der beinahe die gesamte Regierung teilnahm, war den „guten Kräften" des 2. November 2020 gewidmet, wie Moderatorin Danielle Spera, ihres Zeichens Direktorin des Jüdischen Museums, betonte. 2500 Beamte waren damals im Einsatz, etliche davon aus der Freizeit oder ihrem Urlaub kommend. Als erster seine Auszeichnung überreicht bekam jener Polizist, der vom Täter angeschossen und schwer verletzt worden war. Etliche der Geehrten nahmen ihre Ehrung aus Sicherheitsgründen maskiert entgegen, daher wurden auch keine Namen genannt.

„Wer einen angreift, greift uns alle an"

Auf der einen Seite sei das Leid gestanden, auf der anderen unglaublich viel Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit, würdigte Nehammer den Einsatz. Tief beeindruckt zeigte sich ob dessen Schallenberg. Respekt, Wertschätzung und Dank entrichtete er den Polizisten und deren Angehörigen und nannte sich "Schutzschild für die Gesellschaft und die Menschen in Österreich".

Nehammer betonte in seiner Ansprache, dass der Terror schon in der Nacht des Anschlags dramatisch verloren habe. Die Terrornacht habe bewiesen, dass in Österreich alle eins seien: „Wer einen angreift, greift uns alle an."

Ludwig: „Diese Stadt ist stark"

Bereits am Vormittag hatte die Stadt Wien beim Gedenkstein am benachbarten Desider-Friedmann-Platz mit einer Kranzniederlegung an den Anschlag erinnert. Man wolle zum Ausdruck bringen, wie sehr man diesen Terrorakt verurteile, sagte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Der 2. November 2020 habe eine tiefe Narbe in die Geschichte der Stadt geschlagen. Man werde diesen Tag, die Opfer und deren Angehörige – von denen auch einige an dem Gedenkakt teilnahmen – nie vergessen. Der Bürgermeister wurde von der Stadtratsriege und Vertretern aller Gemeinderatsfraktionen begleitet.

📽️ Video | Gedenken an die Terrornacht in Wien

Ludwig versicherte, dass man sich vom „feigen Terrorismus" nicht in die Knie zwingen lasse: „Diese Stadt ist stark und diese Stadt zeigt, dass auch in Krisensituationen das Zusammenstehen, das Miteinander im Vordergrund stehen." Und, so Ludwig: „Wir werden deutlich machen in unserer Stadt, in unserem Heimatland Österreich, aber auch international, dass wir jede Form des Terrorismus nicht nur ablehnen, sondern auch Maßnahmen setzen, um gegen diesen Terrorismus einzutreten."

Bereits in der Früh gedachte Van der Bellen der Opfer des „feigen terroristischen Attentats" via Twitter: „Vier Menschen haben ihr Leben verloren. Viele wurden verletzt. Viele haben ihr Leben & ihre Gesundheit in die Waagschale geworfen, um andere zu beschützen. Heute gedenken wir der Opfer. Wir versuchen gemeinsam, die Wunden zu heilen."

Bundeskanzler Schallenberg erklärte in dem Kurznachrichtendienst, dass sich die Gesellschaft gemeinsam dem Hass in all seinen Formen entgegenstellen müsse. „Es darf und wird dem Terrorismus nicht gelingen, uns zu spalten", betonte er. Auch Vizekanzler Kogler sprach via Twitter den Angehörigen und Hinterbliebenen der Opfer sein Mitgefühl aus. Gleichzeitig erinnerte er an die Einsatzkräfte, das medizinische Personal und mutige Passanten mit Zivilcourage – und an jene in Wien, die in „einer Notsituation mit offenen Türen und offenen Herzen Zuflucht geboten haben".

Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) meldete sich ebenfalls zu Wort. Auch ein Jahr nach dem schrecklichen Anschlag „stehen wir zusammen und lassen uns nicht von diesem Hass spalten", sagte er in einer Aussendung. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gedachte der Hunderten Polizistinnen und Polizisten, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens den schwer bewaffneten Terroristen bekämpft hatten.

Für den Dritten Nationalratspräsident Norbert Hofer (FPÖ) haben die „blutigen Ereignisse eine tiefe Wunde in Österreich geschlagen und eine deutliche Narbe hinterlassen". Seine Gedanken seien bei den Opfern des „bestialischen Mörders, deren Hinterbliebenen, bei den zahlreichen Verletzten, aber auch den Helden dieser Nacht", erklärte Hofer, der ebenfalls an der Gedenkveranstaltung teilnahm. SOS Mitmensch rief in einer Aussendung am Dienstag anlässlich des Jahrestages dazu auf, „durch Ablehnung von Hassideologien und durch das Stärken der Fundamente unserer Republik dem Terror in Österreich keine Chance zu geben". (APA)

Terror kam vor einem Jahr nach Österreich

Es war der folgenreichste Terroranschlag in Österreich seit Jahrzehnten: Vor einem Jahr, am 2. November 2020, schoss ein Attentäter rund um das Wiener Ausgehviertel "Bermudadreieck" auf Passanten. Der damals 20-jährige Täter und Anhänger des IS (Daesh) wurde kurz darauf selbst von der Polizei erschossen. Der Terrorakt zog massive Kritik am Verfassungsschutz sowie ein restriktives Gesetzespaket der Regierung nach sich, das vor allem Muslime im Land traf.

Für die Ermittler war es der flächenmäßig größte Tatort, den es jemals in Wien zu bearbeiten galt. Ausgesucht hatte sich der in Österreich geborene Mann mit Wurzeln in Nordmazedonien diesen ebenso wenig zufällig wie den Zeitpunkt: Am Vorabend eines neuerlichen Corona-Lockdowns war das Vergnügungsviertel nahe des Wiener Schwedenplatzes gut besucht. Von seiner sieben Kilometer weit entfernten Wohnung soll er sich, bewaffnet mit Sturmgewehr und Pistole, nach aktuellem Ermittlungsstand zu Fuß dorthin bewegt haben.

Nach wie vor als gesichert gilt laut Exekutive auch, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt hat – zumindest was den Anschlag selbst betrifft. Allerdings haben ihn gewisse Leute sehr wohl im Vorfeld unterstützt, betonte die Staatsanwalt Wien zuletzt bei einer Bilanz. Diese Unterstützung war "mentaler Natur, aber es wurden auch beim Thema Waffen Kontakte hergestellt". Sieben Beitragstäter sind derzeit in Untersuchungshaft, ihnen drohen lange Freiheitsstrafen.

Die Bilanz des Attentats, das auch in unmittelbarer Nähe zum Sitz der jüdischen Gemeinde Wiens in der Seitenstettengasse stattfand: Vier Menschen starben durch Schüsse, ein 21-jähriger Österreicher mit nordmazedonischen Wurzeln, eine 24-jährige Deutsche und ein 39-jähriger Österreicher mit chinesischen Wurzeln sofort, eine 44-jährige Österreicherin am nächsten Tag im Krankenhaus. Ein 28-jähriger Polizist wurde angeschossen und schwer verletzt. Insgesamt gab es mehr als 20 Verletzte.

Mit schweren Vorwürfen war kurz nach dem Anschlag der Verfassungsschutz konfrontiert. So war der Täter bereits amtsbekannt, da er mit weiteren österreichischen Islamisten nach Syrien ausreisen wollte und ihm daher auch der Reisepass entzogen worden war. Eine kurz vor dem Anschlag erfolgte Warnung durch die slowakische Polizei blieb ohne Konsequenzen. Diese zog auch Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) nicht, obwohl vor allem die Oppositionsparteien seinen Rücktritt forderten.

Dennoch wurde wegen der Versäumnisse eine Untersuchungskommission eingerichtet, die diese auch bestätigte. Politische Handlungen richteten sich vorwiegend gegen heimische Muslime. Eine Moschee, in der der Attentäter aktiv gewesen war, wurde vorübergehend geschlossen. Als Teil eines "Anti-Terror-Pakets" der türkis-grünen Regierung wurde religiös motivierter Terror zu einem eigenen Straftatbestand, ein eigenes "Imame-Register" eingerichtet, islamische Einrichtungen wurden stärker zur Rechenschaft gezogen.


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