Hinter jeder Ecke wartet ein „Fernando“: ABBA startet erneut durch

Mit „Voyage“ startet ABBA nach vierzig Jahren Musikpause in die Gegenwart. Mit Musik aus den 1970ern, die keiner braucht, aber jeder will.

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Die Avatare von Björn, Agnetha, Anni-Frid und Benny (im Uhrzeigersinn) sind bereit für 2022.
© Industrial Light a.m.

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – So hatte sich ABBA das Comeback wohl nicht vorgestellt. Der Abend am letzten Dienstag in einem Konzerthaus in Uppsala sollte herzlich werden, ein „Thank You for the Music“ der Superfans an ihre schwedischen Idole. Rund 1000 waren gekommen. Doch Show gab es keine. Der Abend endete noch vor deren Beginn mit zwei Todesopfern. Ein 80-Jähriger war von einem der Stockwerke ins Publikum gestürzt. Ein tragischer Unfall, twitterte ABBA. Und: Der Start des Tour-Trailers muss verschoben werden. Um einen Tag.

Wirklich überschatten lässt sich dieses Comeback nicht mehr. Das „Thank you for waiting“ war an die Fans bereits rausgegangen, zu groß, zu lange vorbereitet war die Ankündigung, dass ABBA nach vierzig Jahren und zwei Scheidungen für neue Musik wieder zusammenkommen. Wirklich getrennt waren sie ja nie. 1982 legten Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad bloß eine Pause ein. Deshalb blieben ABBA dennoch aktiv. Passiv halt. Auf der Musicalbühne lief „Super Trouper“ in Endlosschleife, im Kino kreischten Pierce Brosnan und Meryl Streep „Mamma Mia!“ – zweimal zu viel. Nicht für die Fans. Inzwischen wollen alle mehr, so scheint es. Zum Vorteil für die Band: Denn „Gimme! Gimme! Gimme!“ bedeutet: Das Money, Money, Money fließt.

Mit Geldsorgen dürfte das (Nicht-)Comeback von ABBA also nichts zu tun haben. Heute jedenfalls erscheint das Album „Voyage“ – der Auftakt einer „Reise ins Unbekannte“, sagen die Schweden. Der Trip führt die Mittsiebziger also zunächst in die Gegenwart. Denn klar ist, einfach Platz nehmen auf Tommis Wett-Couch reicht 2021 nicht mehr aus. Die Jungen wollen mit dem ABBA-Fieber infiziert werden. Also albern die beiden Bs auch auf TikTok herum. Als Vorbereitung für die Tour 2022, die musiktechnisch alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll. Wenn’s nach ABBA geht, können Beyoncé und Co. einpacken, denn ABBA ist ab 2022 so was von „the future“ – sie müssen nicht einmal mehr selbst auf die Bühne. Dort tanzen nur die Avatare. Anti-Aging-Produkte? Überflüssig! ABBA sehen on stage aus wie ABBA anno 1978.

Okay, die Jungen werden die „ABBAtare“ standesgemäß „cringe“ finden. Zu Recht! Den ABBA-Ohrwürmern werden aber auch sie sich nicht entziehen können. Die bereits veröffentlichten Singles „Just a Notion“, „Don’t Shut Me Down“ und „I Still Have Faith in You“ jedenfalls gehen auf Spotify steil. Mehr als diese drei braucht man übrigens nicht zu hören, um zu wissen: ABBA sind auch musikalisch nicht gealtert: „Just A Notion“ ist zwar lang abgehangen – die Vocals stammen von 1978 –, wirkt dennoch wie ein gerade hingefetzter, perfekter Discosong. Mit Gegenwart hat das nichts zu tun. Sei’s drum. Der Opener „I Still Have Faith in You“ ist eh zu episch. Alles egal, gimme Kitsch! Ganz im Stile von „The Winner Takes It All“ startet also auch „Don’t Shut Me Down“. Und spätestens jetzt zeigt sich das große Problem mit „Voyage“: Wir haben das alles schon einmal gehört. Hinter jeder Ecke wartet ein „Fernando“ auf seinen Einsatz. Oder wer denkt bei „No Doubt About It“ nicht an „SOS“?

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Dass da noch mehr aufs Gehört-Werden wartet, geht zunächst unter. Was vernimmt man bei „I Can Be That Woman“? Eine Abrechnung mit einem Frauenbild, das Agnetha und Anni-Frid vielleicht selbst nie bestätigen wollten? Wäre direkt progressiv. Auch „Keep An Eye On Dan“ ist verzwickter, als es beim Erstanspielen scheint. Nur auf die Panflöten in „Bumblebee“ und das weihnachtliche „Little Things“ hat wirklich keiner gewartet. Und doch sind sie da. So wie ABBA.


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