Novemberpogrom: Wien eröffnet Gedenkmauer für Opfer der Shoah

Im Ostarrichi-Park bei der Nationalbank wurden 160 Granit-Elemente mit 64.440 Namen aufgestellt. Bei der Zeremonie zur Eröffnung wird auch der Bundeskanzler Alexander Schallenberg teilnehmen. Eine Video-Aktion erinnert an zerstörte Synagogen.

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Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) und Holocaust-Überlebender Kurt Yakov Tutter bei der Eröffnung der Shoah Namensmauern Gedenkstätte in Wien.
© APA/Georg Hochmuth

Wien, Graz – Heute, Dienstag, jährt sich zum 83. Mal das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich und Deutschland in der Nacht auf den 10. November 1938. Damals wurden jüdische Mitbürger ermordet, ihre Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet und Synagogen angezündet. Politiker und Kirchenvertreter gedachten am Dienstag der Opfer und mahnten angesichts der aktuell zunehmenden antisemtischen Tendenzen zur Wachsamkeit. In Wien wird eine Gedenkmauer für die Opfer der Shoah eröffnet.

"Es gilt, wachsam zu sein und die Stimme zu erheben", appellierte Bundespräsident Alexander Van der Bellen via Facebook und Twitter. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten sei "nicht vom Himmel gefallen. Er war schon zuvor in der österreichischen Gesellschaft sehr stark präsent." Aus Abwertung von Menschen sei Ausgrenzung, Entmenschlichung und Ermordung geworden, mit dem grausamen Endpunkt der Shoah. Heute wird jener gedacht, die "gedemütigt, gequält, vertrieben oder ermordet wurden, in Trauer, mit Demut - und mit Verantwortung". Verantwortung bedeute vor allem, "dass wir entschieden und entschlossen gegen jede Form der Menschenverachtung, des Rassismus und des Antisemitismus auftreten".

Van der Bellen wollte zum Gedenken eigentlich einen Kranz beim Mahnmal für die Opfer der Shoah niederlegen. Wegen der Coronainfektion einer Mitarbeiterin ist er allerdings im Homeoffice. Die Kranzniederlegung nahm an seiner Stelle Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) vor.

In der "Reichspogromnacht" vor 83 Jahren verdichtete sich der antisemitische Hass zu brutaler Gewalt. Eine erste Welle der Vernichtung brach über die Juden herein. "Uns Nachgeborene mahnt die Geschichte achtsam zu sein und uns jeglichem Antisemitismus und Rechtsextremismus entschlossen entgegenzustellen", erklärte Justizministerin Alma Zadić (Grüne). Sie hat mit Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) in Österreich die Schirmherrschaft für eine vom World Jewish Congress initiierten Videoaktion übernommen. In Wien und Linz werden in der Pogromnacht zerstörte oder nicht mehr existierende Synagogen durch Videoprojektionen digital rekonstruiert.

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Einblick in das damalige jüdische Leben bietet auch das österreichisch-deutsch-schweizerische Projekt "LEBENSGESCHICHTEN - Zeitzeugnisse von Genoziden" der Bildungsplattform IWitness, das Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Dienstag präsentierte. Auf der Website sind rund 900 deutschsprachige Interviews mit Zeitzeugen (übernommen aus dem großen Visual History Archive des Shoah Foundation Institute) zu finden, didaktisch aufbereitet für Schüler und Studierende.

SPÖ und Kirchen warnen vor antisemitischen Tendenzen

Politiker und auch die Kirchen verwiesen in ihren Stellungnahmen zur Pogromnacht darauf, dass aktuell - genährt durch die Corona-Pandemie - eine Zunahme antisemitischer und rechtsextremer Aktionen und Übergriffe festzustellen ist.

Seitens der SPÖ mahnten Parteichefin Pamela Rendi-Wagner und Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch deshalb zu "Wachsamkeit im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus". "Wir müssen aus der Geschichte lernen und die richtigen Konsequenzen ziehen", plädierte Rendi-Wagner für eine "lebendige Gedenkkultur". Und es gelte, "unsere freie, demokratische Gesellschaft jeden Tag aufs Neue zu verteidigen". Deutsch forderte die Regierung auf, den Aktionsplan gegen Rechtsextremismus rasch unter Einbeziehung von Wissenschaftern auszuarbeiten und umzusetzen.

Der Antisemitismus sei "in verschiedenen Formen wieder stark im Zunehmen", stellte der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) in einer Erklärung zum Pogromgedenken fest - und warnte vor jedem Wegschauen oder Verharmlosen. "Politik, Exekutive, Justiz und Zivilgesellschaft - dazu gehören auch die Kirchen - sind aufgefordert, vehement gegen Antisemitismus aufzutreten und einzuschreiten." Es gelte, wachsam zu sein "gegenüber jeglicher Form von Politik, die auf Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten setzt".

Mit einer nächtlichen Aktion machten jüdische Aktivisten und Aktivistinnen darauf aufmerksam, dass in Wien noch immer Straßen nach aktiven NSDAP-, SS- oder SA-Mitglieder bzw. offensiv antisemitischen Personen benannt sind. Sie überklebten 23 Straßentafeln mit Namen von Widerstandskämpfern, berichteten die Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) in einer Aussendung - und forderten unter Kritik daran, dass die Stadt Wien nur kleine Zusatztafeln angebracht habe, die offizielle Umbenennung.

64.440 Namen: Wien eröffnet Gedenkmauer für Opfer der Shoah

© APA/GEORG HOCHMUTH

In Wien wird am Nachmittag ein Mahnmal feierlich seiner Bestimmung übergeben, das an eines der größten Verbrechen der Geschichte erinnert: Die Shoah-Namensmauer. Auf 160 Steinelementen sind dort die Namen von 64.440 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden eingemeißelt. Initiiert wurde Projekt vom Holocaust-Überlebenden Kurt Yakov Tutter. Er hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass das Vorhaben realisiert wird.

Tutter floh als Bub nach Belgien und überlebte so die Shoah. Später emigrierte er nach Kanada. Lange Zeit erntete er mit seinem Projekt zwar prinzipiell wohlwollende Unterstützung, konkrete Schritte blieben jedoch aus. Völlig offen war zunächst die Finanzierung, genauso wie der Ort, an dem die Mauer umgesetzt werden könnte. Ein entscheidender Schritt erfolgte 2018, als sowohl der Bund als auch die Stadt Unterstützung zusagten. Letztendlich beteiligten sich alle Bundesländer. Auch private Sponsoren ermöglichten den Bau der mehr als 5 Mio. teuren Gedenkstätte.

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Realisiert wurde das Shoah-Mahnmal nun im Ostarrichi-Park im Bezirk Alsergrund, einer Grünfläche vor der Österreichischen Nationalbank neben dem Alten AKH. Die Anlage sieht in ovaler Anordnung mehrere Steinmauern vor, in der die Namen eingraviert wurden. Sie entstammen der Opferdatenbank des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Die 160 Mauerteile wurden aus einem Stein namens "Kashmir Gold" gefertigt - ein sandsteinfarbiger Granit.

Geraume Zeit musste Tutter auch um diesen Standort zittern. Denn sowohl der Stadt als auch der Nationalbank gehören je ein Teil des Areals. Im Rathaus hatte man zudem auf statische Fragen aufmerksam gemacht - nicht zuletzt etwa durch den U5-Bau, der dort in der Nähe inzwischen in vollem Gange ist. Diskutiert wurde zuletzt auch darüber, ob nicht auch andere Opfergruppen - etwa Roma und Sinti - erwähnt werden sollen. Zuletzt berichtete der "Standard" auch davon, dass eine Firma, die am Bau beteiligt war, während der NS-Zeit jüdische Zwangsarbeiter beschäftigt haben soll.

📽️ Video | Shoah-Namensmauer wird in Wien feierlich eröffnet

Letztendlich wurde das Projekt aber in der gewünschten Form realisiert. An der heutigen Eröffnung am späten Nachmittag werden neben dem Initiator unter anderem auch Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, teilnehmen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen wird bei der Zeremonie nicht wie geplant dabei sein, er befindet sind im Homeoffice, da eine Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet wurde.

"Mit der Shoah Namensmauern Gedenkstätte setzt die Republik Österreich ein sichtbares Zeichen ihrer Verantwortung", betonte Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) bereits am Vormittag in einer Aussendung. Man geben den Opfern ihren Namen und damit zumindest einen Teil ihrer Würde zurück. "Und wir führen uns vor Augen, dass hinter den 64.440 Namen einzelne Menschen - Kinder, Mütter, Väter und Nachbarn - mit individuellen Geschichten und menschlichen Schicksalen stehen." Die Mauer solle auch ein Ort sein, der den Besucherinnen und Besuchern das Ausmaß des Menschenhasses der Nationalsozialisten vermitteln solle, sagte die Ministerin.

Straßenmahnmal in Graz wurde neu instand gesetzt

Ein Lauftext des letzten Rabbiners von Graz läuft durch die Stadt.
© APA/CATRIN BOLT

In der Reichspogromnacht 1938 wurde in Graz auch der letzte Landesrabbiner, David Herzog, gedemütigt, misshandelt und von Nationalsozialisten aus der Stadt vertrieben. In seinen Memoiren hat er dieses Ereignis festgehalten. 2015 wurde sein Bericht als rund 800 Meter langer Lauftext auf jener Straßenstrecke, über die er von Nazischlägern durch die Stadt getrieben wurde, aufgetragen. Der mittlerweile abgescheuerte Text wurde saniert und wird am 10. November neu präsentiert.

Die Aufzeichnungen des Grazer Rabbiners David Herzog (1869 -1946) liefern ein erschütterndes Zeitdokument zu den Jahren der Radikalisierung und zur Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Österreich. In der Nacht zum 10. November 1938 erlebte der damals 69-jährige die bis dahin wohl grauenhaftesten Minuten seines Lebens: Man holte ihn aus seiner Wohnung in der im Zentrum gelegenen Radetzkystraße. Er wurde zur Mur geführt und mit dem Ertränken bedroht. Schließlich wurde er - wie rund 500 andere Juden - verhaftet, auf Lastwagen getrieben und ins KZ Dachau deportiert. Im Dezember 1938 emigrierte er mit seiner Familie über Wien, die Niederlande und Dover nach London und verbrachte seinen Lebensabend schließlich in Oxford, wo er 1946 starb. Unmittelbar nach seiner Vertreibung begann Herzog mit der Aufzeichnung seiner Lebenserinnerungen.

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2013 trug die Künstlerin Catrin Bolt den Bericht des damaligen Oberrabbiners David Herzog zum ersten Mal temporär als Text entlang jener Strecke, auf der er von seinem Wohnort in der Radetzkystraße 8 bis zum Griesplatz zu Fuß getrieben und auf offener Straße misshandelt wurde. Im Laufe der Jahre wurde die Schrift allerdings immer schlechter lesbar. Am 10. November 2021 um 16.00 Uhr wird das neu instand gesetzte Mahnmal gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Graz wiedereröffnet, teilte das Universalmuseum Joanneum mit.

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"Anhand eines Einzelschicksals wird hier die grauenvolle Dimension menschenverachtenden Massenwahns erkenn- und fühlbar", hielt dazu Elisabeth Fiedler, Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark, über welches die Instandsetzung abgewickelt wurde. Bei der feierlichen Eröffnung bei der Synagoge werden der Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz, Elie Rosen, Elisabeth Fiedler sowie politische Repräsentanten des Landes Steiermark und der Stadt Graz sprechen.

Catrin Bolt, geboren 1979 in Friesach (Kärnten), lebt und arbeitet in Wien. Die Künstlerin, die von 1997 bis 2003 bei Peter Kogler in der Medienklasse an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte, befasst sich mit der inhaltlichen, geschichtlichen und architektonischen Komplexität von Räumen und Orten. Mithilfe von Fotos, Videos, Filmen, Skulpturen, Performances und Installationen - über minimale Eingriffe und unorthodoxe Darstellungen - werden diese in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar. Ende 2015 gewann sie den Otto Mauer-Preis für ihr Schaffen. (APA)

Erste Stolpersteine des Burgenlands in Güssing verlegt

Güssing – In der Güssinger Innenstadt sind am Dienstag die ersten "Stolpersteine" als Erinnerungsmahnmale für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verlegt worden. Landtagspräsidentin Verena Dunst (SPÖ) betonte am heutigen Jahrestag der Novemberpogrome die Wichtigkeit des Projekts und der Gedenkkultur. Insgesamt zehn Steine werden in Güssing an jenen Orten verlegt, an denen die vertriebenen Jüdinnen und Juden zuletzt gelebt haben.

"Auch wenn es schwer fällt, sich diese Verbrechen in Erinnerung zu rufen, ist das Gedenken an die Opfer unsere wichtigste Verpflichtung, damit uns das Leid und die Qualen die diese Menschen erleiden mussten, eine ständige Ermahnung für die Zukunft bleiben", so Dunst laut einer Aussendung. In Europa wurden in zahlreichen Städten bereits über 70.000 Steine verlegt. Projektleiter Michael Hammer erklärte: "Die Innenstadt soll damit nicht nur zum Gedenk-, sondern auch zum Lernort für Schulen und Interessierte werden." (APA)


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