Kraftwerke als Gefahr für Fische: WWF wirft juristische Angel aus

Die Naturschutzorganisation will mit einer Rechtsstudie belegt haben, dass der Wechsel von Schwall und Sunk beim Kraftwerksbetrieb gegen das Tierschutzgesetz verstößt.

  • Artikel
  • Diskussion (2)
Die Äsche im Inn ist eine jener Arten, die besonders von Schwall und Sunk betroffen sind.
© Christoph Walder

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Das Verbot, Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten, ist im Paragraphen sechs des Bundesgesetzes über den Schutz der Tiere festgehalten. Doch genau gegen diese gesetzliche Bestimmung würden Kraftwerksbetreiber in Österreich regelmäßig verstoßen – und das zum Teil gleich mehrmals täglich. Zu diesem Schluss kommen zumindest die Umweltschutzorganisation WWF, der Tiroler Fischereiverband und das „Ökobüro“. Letzteres hat im Auftrag des WWF eine Rechtsstudie erstellt und dabei die Auswirkungen des Schwallbetriebes von Kraftwerken auf die Fische in den Flüssen untersucht und bewertet.

Darin stellt Studienautorin Katarina Zalneva fest, dass auch das Leben eines Fisches durch das Tierschutzgesetz geschützt ist, ebenso wie Fischeier und Larven. Gerade sie sind es, die durch das regelmäßige rasche Ansteigen und Absinken des Wasserpegels in Flüssen aufgrund des Kraftwerksbetriebes entweder abgeschwemmt werden oder plötzlich auf dem Trockenen sitzen und qualvoll verenden. „Die Kraftwerksbetreiber handeln fahrlässig, weil sie von den Tötungen wissen und nichts dagegen unternehmen“, sagt Studienautorin Zalneva.

WWF-Gewässerschutzexpertin Bettina Urbanek verweist in diesem Zusammenhang auf Schätzungen, die der WWF anhand von Zählungen an ausgewählten Flussabschnitten in Österreich hochgerechnet hat: „Wir gehen davon aus, dass das schnelle drastische Steigen und Sinken des Wasserspiegels in den Flüssen jährlich den Tod von bis zu 200 Millionen Jungfischen und Fischlarven verursacht.“ In erster Linie betroffen seien Fische in den Gewässern Inn, Ziller, Salzach, Enns, Drau, Mur und Möll sowie Ill und Bregenzer Ache. In Tirol sind laut Urbanek die Kraftwerke am Ziller rund um das Kraftwerk Mayrhofen und am Inn die Kraftwerke Kaunertal, Sellrain-Silz, Kühtai für die Hauptbelastungen aus Schwall-Sunk-Betrieb verantwortlich. Insgesamt seien es bundesweit rund 35 Speicherkraftwerke bzw. Pumpspeicherkraftwerke, die für das Massensterben in den heimischen Flüssen verantwortlich sind.

Ein „vernünftiger Grund“ für die Tötung der Fische, wie im Tierschutzgesetz definiert, liege deshalb nicht vor, weil es zu den massiven Schwankungen deshalb komme, weil Kraftwerksbetreiber auf maximalen Erlös und Gewinn aus seien. Für die Wahrung der Netzstabilität gebe es außerdem längst Alternativen, die stärker genützt und ausgebaut werden müssten.

In einem ersten Schritt fordert Zacharias Schähle, Leiter des Tiroler Fischereiverbandes, eine neunwöchige Schonzeit für Jungfische im Mai und Juni. In dieser Zeit sollte die Schwallbelastung gestoppt oder zumindest stark verringert werden, so Schähle. Mit Anzeigen oder Klagen will der WWF vorerst noch nicht gegen die Betreiber von Kraftwerken vorgehen. „Wir haben jetzt einmal unsere Rechtsansicht dargelegt und gehen davon aus, dass die Kraftwerksbetreiber entsprechend reagieren“, meint WWF-Gewässerschutzexpertin Urbanek.

Bei „Oesterreichs Energie“, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft, zeigt man sich zurückhaltend. „Wir nehmen das Thema ernst, der Vorwurf ist so für uns neu. Wir werden das rechtlich prüfen lassen“, sagt Christian Zwittnig, Leiter der Kommunikationsabteilung. Den Vorwurf, fahrlässig zu handeln, weist er jedoch entschieden zurück: „Wir beschäftigen uns sehr wohl mit dem Thema“, verweist er auf ein laufendes Projekt, bei dem es darum geht, die bestmöglichen standortspezifischen Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerökologie zu definieren.


Kommentieren


Schlagworte