Exkursionen ins Ich: Patricia Highsmiths „Tage- und Notizbücher“

Patricia Highsmiths „Tage- und Notizbücher“ zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Selbstbild der Autorin. Auch wenn sie ihrem Antisemitismus keine Bühne bieten.

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Patricia Highsmith wäre heuer 100 geworden. Sie starb 1995.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Dass Patricia Highsmith keine angenehme Zeitgenossin war, ist bekannt. Der Strahlkraft ihres Werks hat das nicht geschadet. Im Gegenteil. Es ließ sich recht einträglich vermarkten, dass die große Autorin – „Zwei Fremde im Zug“, „Der talentierte Mr. Ripley“, „Das Zittern des Fälschers“– für sich in Anspruch nahm, was gemeinhin nur männlichen Kollegen gestattet war. Sie war verhaltensauffällig, stur – und so gar nicht steuerbar. In ihren letzten Lebensjahren lebte die Autorin, deren Geburt sich heuer zum 100. Mal jährt, zurückgezogen, gab sich einsilbig und galt auch sonst als schwierig: Sie trank zu viel, rauchte mehr und misstraute allem. Das wusste man. Und dass sie Tage- und Notizbücher führte, auch. Nach ihrem Tod 1995 wurden 8000 Seiten gefunden, versteckt hinter Bettwäsche.

Dass es die 56 Hefte gab, war bekannt, die Möglichkeit, sie posthum zu publizieren, vertraglich geregelt. Eine Sensation ist die nunmehrige Veröffentlichung von „Tage- und Notizbücher“ also nur für Marktschreier. Ein Ereignis ist das Erscheinen trotzdem: Patricia Highsmiths Innenleben von 1941 bis 1994 – Maike Albath hat zuletzt in der Süddeutschen Zeitung treffend von „Feldforschung in eigener Sache“ gesprochen. Schmeichelhaft sind die Ergebnisse der Exkursionen ins Ich nicht. Aber ein Zeitdokument: Eine Frau schlägt sich durch ein männliches Jahrhundert. Die Schläge, die sie dabei einsteckt, hinterlassen Spuren. Die, die sie austeilt, auch. Nicht ohne voyeuristischen Schauder lässt sich nachvollziehen, wie eine hochambitionierte und auffallend optimistische Frau mit den Jahren hart wird.

Ungefiltert sind die Einträge nicht. Mit gut 1300 Druckseiten ist „Tage- und Notizbücher“ auch so ein ziemlicher Ziegel. Erst Kürzungen machen das Buch lesbar. Doch wurde gekürzt oder auch geschönt? Der Verdacht liegt nahe. Antisemitische Passagen wurden entschärft. Diesen habe man aus redaktioneller Pflicht eine Bühne verwehrt, schreibt Herausgeberin Anna von Planta im Vorwort. Das ist nachvollziehbar. Highsmiths Antisemitismus ist vielfach belegt. Richard Bradford führt in seiner Anfang des Jahres erschienenen Highsmith-Biografie „Devils, Lust and Strange Desires“ Beispiele dafür an. Auch Joan Schenkar, die die „Talentierte Miss Highsmith“ 2015 porträtierte, zitiert Verstörendes. Mitunter, aber das macht die Sache nicht besser, dürfte es Highsmiths Lust an der Provokation gewesen sein, die ihre Ausfälle motivierte. Dafür spricht etwa der Umstand, dass sie mehrere Beziehungen mit jüdischen Frauen hatte. Auflösen lassen sich diese Widersprüche nicht. Und erklären schon gar nicht. Sagen wir es so: Patricia Highsmith selbst wäre im Abrechnen mit ihren Ansichten wohl weniger nachsichtig gewesen als die Herausgeberinnen ihrer Arbeitsbücher. Denen wegen mangelnder Denunziationslust den Prozess zu machen, wird ihrer editorischen Leistung aber auch nicht gerecht. Die Dinge sind kompliziert. Darüber hat Patricia Highsmith Dutzende Romane geschrieben. Und Tausende Tagebuchseiten.

Herausgegeben von Anna von Planta. Diogenes, 1370 Seiten, 32,90 Euro.

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