Am Ende eine „bittere Pille": Was vom Glasgower Klimapakt bleiben wird

Die Warnungen waren deutlich, die Erwartungen riesig. Doch die Hoffnungen auf ein gemeinsames konsequentes Handeln der Welt gegen die Klimakrise wurden am Ende durch eine deutliche Abmilderung beim Kohle-Ausstieg geschwächt.

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"Ich bitte um Verzeihung für die Art, wie das gelaufen ist." Alok Sharma, der Präsident der UN-Weltklimakonferenz in Glasgow, kämpfte kurz bevor er den Gipfel beendete mit den Tränen.
© PAUL ELLIS

Von Larissa Schwedes/dpa

Glasgow – Bevor er den Hammer fallen lässt, um den Klimapakt von Glasgow zu besiegeln, kämpft Alok Sharma mit den Tränen. "Ich bitte um Verzeihung für die Art, wie das gelaufen ist", sagt der britische Präsident der UN-Weltklimakonferenz am Samstagabend. Kurz zuvor hatten China und Indien einem im Voraus schon als "historisch" gefeierten Satz zum Ende der Kohle in letzter Minute einiges von der Wirkung genommen.

📽 Video | Einigung bei Weltklimakonferenz

In der Abschlusserklärung der rund 200 Staaten ist nun nicht mehr vom Ausstieg (phase-out) die Rede, sondern nur noch vom Abbau (phase-down). Mehrere Länder empören sich über diese "bittere Pille". Sie werfen Sharma vor, sie hinters Licht geführt zu haben. Auf diese Weise werde ihr der Beschluss genommen, den sie stolz nach Hause getragen hätten, sagt die Vertreterin der pazifischen Marshall-Inseln, Tina Stege. Sie stimme nur zu, weil andere Elemente des Textes eine "Rettungsleine" für die Menschen in ihrer Heimat seien.

Dazu muss man wissen: Es ist das erste Mal in der Geschichte der Klimakonferenz, dass Kohle – eine der größten Verursacher des Klimawandels – überhaupt in einem Vertragstext erwähnt wird. Was wenig konkret klingt, ist trotz allem ein diplomatisches Meisterstück.

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Der größte gemeinsame Nenner reicht vielen bei weitem nicht

Wie viel Schweiß und Überzeugungsgeschick es kostet, den größten gemeinsamen Nenner unter fast 200 Ländern zu finden, wird in den letzten Stunden des Gipfels sichtbar, als die Verhandelnden im Plenum stundenlang durcheinander schwirren, gestikulieren und in Pulks über die großen Knackpunkte diskutieren. Der US-Sondergesandte fürs Klima, John Kerry, zieht hin und her, ein Wort zum chinesischen Verhandler hier, ein Schulterklopfen mit Präsident Sharma dort. Bis am Ende ein Text steht, den viele als "nicht perfekt" beschreiben – aber von dem nicht weniger als die Zukunft des Planeten abhängen soll.

📽 Video | Ernüchterung nach COP26-Abschlusserklärung: "Der Anfang von etwas"

"Wenn wir heute nicht handeln, werden in der Zukunft sehr gruselige Dinge passieren", warnt die Verhandlerin des Inselstaats Palau, vom steigenden Meeresspiegel bedroht, in der letzten Sitzung vor Abstimmung die Delegierten. Ihre Kollegin von den Marshall-Inseln erinnert an die letzte, fast ergebnislose Klimakonferenz in Madrid. "Können wir zurück auf unsere Inseln gehen mit nichts in der Hand? Aus meinem Land ist die Antwort: Nein."

"Vulnerable Länder an den Rand gedrängt"

Die Schere zwischen Arm und Reich, und was sie im Kampf gegen die Klimakrise bedeutet, ist eine der hässlichen Seiten des Mammuttreffens mit 40.000 Delegierten, das schließlich fast 30 Stunden in die Verlängerung ging. "Es ist ganz schön bitter, dass auch bei dieser Klimakonferenz die vulnerablen Länder von der EU und den USA an den Rand gedrängt wurden und nicht zugesagt bekommen haben, dass es wirklich vorangeht mit der Unterstützung bei der Bewältigung der Klimafolgeschäden", sagt Klima-Experte Jan Kowalzig von Oxfam.

Mehr Geld für Klimaschutz und Anpassung soll es zwar geben, aber ihre Zusagen haben die reichen Länder bislang nicht gehalten. Für Schäden gibt es nun zwar einen neuen Topf – aus dem soll aber nur technische Unterstützung gezahlt werden, nicht für die Schäden selbst. Kowalzig meint: "Das ist, als wenn der Brandstifter dem Eigentümer des zerstörten Hauses sagt: Ich zahle aber nur den Architekten für den Neubau." Ohne Geld aus den reichen Industrienationen, die für rund 80 Prozent aller Emissionen verantwortlich sind, geht aber nicht nur kein Wiederaufbau, sondern auch kein effizienter Klimaschutz.

Bombe noch lange nicht entschärft

Die "Bombe entschärft" – wie Gastgeber Boris Johnson es zu Beginn als Ziel ausgab – hat Glasgow also nicht. Das liegt schon allein daran, dass viele Staaten vor dem Gipfel ihre Hausaufgaben nicht gemacht und keine ehrgeizigen Klimaschutzpläne bei den UN eingereicht hatten – eine Hypothek für den Gipfel schon zum Start.

Sogar Johnson selbst gibt zu, dass noch sehr, sehr viel zu tun sei. "Wir dürfen uns nichts vormachen: Wir haben den Klimawandel nicht geschlagen", sagt der Premierminister in der Nacht in einem Videoclip aus der Downing Street. Bescheidenheit kommt dem Briten trotzdem nicht in den Sinn. "Ich hoffe, dass wir auf die COP26 in Glasgow als Anfang vom Ende des Klimawandels zurückblicken werden."

Von all den Zahlen, mit denen die Verhandler in Schottland jonglierten, steht eine im Zentrum: 1,5 Grad. In der Wissenschaft gilt mittlerweile als Konsens, dass katastrophale Klimafolgen nur abgewendet werden können, wenn sich die Erde nicht stärker erhitzt. Die Umweltministerin der Malediven, Aminath Shauna, sagt: "Der Unterschied zwischen 1,5 und zwei Grad ist für uns ein Todesurteil."

Für Aktivisten um Greta Thunberg nur "Blah, blah, blah"

Was bleibt nun also von dem Treffen, das das das 1,5-Grad-Ziel am Leben erhalten sollte? Für Greta Thunberg ist die Sache klar: "Blah, blah, blah". Ein Urteil, das die Klimaaktivistin schon gefällt hatte, lange bevor in Glasgow der Hammer fiel – weil das, was die Staaten bisher tun oder zusagen, eben bei weitem nicht ausreicht. Bis Ende nächsten Jahres soll deshalb nachgebessert werden. In Scharm el-Sheich in Ägypten steht im November 2022 der nächste Gipfel an.

Ein wenig Hoffnung für die Zukunft seines Enkelsohns, den er am Vortag auf seinem Handy noch den Kameras der Welt gezeigt hatte, nimmt EU-Klimakommissar Frans Timmermans aus Glasgow aber mit. Zwar ist er enttäuscht von der Kohle-Formulierung, aber auch beeindruckt, dass sich die Staaten am Ende doch erneut einig geworden sind. "Es hört hier nicht auf", sagt der Niederländer nach dem entscheidenden Hammerschlag. "Das hier ist nur der Anfang."

🔍 Die wichtigsten Beschlüsse im Überblick

Aufruf zum Abschied von der Kohle

Die Forderung zum Kohleausstieg wurde auf Druck Chinas und Indiens noch abgeschwächt. Statt von einem Ausstieg (phase-out) ist auf Druck der stark von Kohle abhängigen Staaten China und Indien nun nur noch von einem schrittweisen Abbau (phase-down) die Rede. Damit bleibt offen, ob beide Staaten jemals komplett auf Kohlestrom verzichten wollen.

Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel

In der Abschlusserklärung bekennen sich die Länder gemeinsam zu dem Ziel, die Erderwärmung bei 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu stoppen. Dazu sollen sie bis Ende 2022 ihre bislang unzureichenden Klimaschutzpläne für dieses Jahrzehnt nachschärfen. Das ist drei Jahre früher als bislang vorgesehen. In der Erklärung wird zudem festgehalten, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase weltweit noch in diesem Jahrzehnt um 45 Prozent sinken muss, wenn das 1,5-Grad-Limit erreichbar bleiben soll.

Hilfen für arme Staaten

Zugesagt wurden auch mehr Finanzhilfen für arme Staaten, damit diese sich an die vielerorts fatalen Folgen der Klimakrise anpassen können. Zig Millionen Menschen sind schon jetzt häufiger mit Dürren, Hitzewellen, Stürmen und Überschwemmungen konfrontiert, weil sich die Erderhitzung beschleunigt. Konkret sollen diese Finanzhilfen bis 2025 verdoppelt werden, also von aktuell jährlich rund 20 auf dann 40 Milliarden US-Dollar (etwa 35 Milliarden Euro).

Hilfe nach Klimaschäden

Erstmals wird auch die jahrelange Forderung armer Staaten aufgegriffen, einen Geldtopf für Hilfen bei Schäden und Verlusten einzurichten. Gemeint sind etwa Zerstörungen oder erzwungene Umsiedlungen nach Dürren, Sturmfluten oder Wirbelstürmen. Die Staaten werden aufgefordert, dafür Geld einzuzahlen. Konkrete Summen dafür werden aber nicht genannt. Es soll nur "technische Unterstützung" nach Schadensereignissen bereitstehen, aber nicht der komplette Schaden beglichen werden.

Regelbuch für Pariser Abkommen komplett

Geregelt wurde etwa, dass künftig Klimaschutzziele für fünf Jahre vorgelegt werden und nach einheitlichen Standards berichtet wird. Bei der Frage, wie künftig Emissionsminderungen zwischen Staaten gehandelt werden können, gab es ebenfalls eine Einigung.

Der nächste Gipfel, die COP27, findet im November 2022 in Ägypten statt.


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