Buch aus Landeck: Von Dorfkaisern und politischen Eintagsfliegen

Der Landecker Historiker Manfred Jenewein war für sein neues Buch 364 Bürgermeistern auf der Spur – und so mancher kuriosen Geschichte.

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Rechtzeitig zum Beginn des Gemeinderatswahlkampfs in vielen Gemeinden stellt der Historiker Manfred Jenewein sein neues Buch vor.
© Reichle

Von Matthias Reichle

Landeck – Er war der „kürzeste“ Bürgermeister in der Geschichte des Bezirks Landeck. Einen Tag war Franz Tschuggmall 1947 Dorfchef von Serfaus, bevor er hinwarf. Der längstdienende Gemeindekaiser war Johann Siegele aus Kappl, der zwischen 1931 und 1945 sowie 1946 bis 1974 „regierte“ und damit nicht nur die Erste Republik, den Ständestaat, das Nazi-Regime, die Besatzungszeit, sondern auch die Zweite Republik erlebte – insgesamt 42 Jahre.

Es ist eine der Kuriositäten, die der Landecker Historiker Manfred Jenewein rechtzeitig zum Start des Gemeinderatswahlkampfs zusammengetragen hat. Alle 364 Bürgermeister, die der Bezirk Landeck in den letzten 100 Jahren sah, hat er in seinem neuen Buch recherchiert. Den Fokus legt er aber auf die turbulenteste Zeit der Gemeindepolitik – vom Ende der Monarchie 1919 bis in die Besatzungszeit 1950.

Damit nimmt Jenewein aber auch eine Zeit ins Visier, die in der normalen Dorfchronik gern totgeschwiegen wird – jene von 1938 bis 1945. 78 Personen wurden in der „Nacht der langen Messer“ bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten verhaftet, in 18 Gemeinden tauschten sie den Bürgermeister aus. Im Bezirk Landeck wurden aber auch nach dem Krieg 3000 Menschen als Nazis registriert. Beunruhigend ist auch die Kontinuität, mit der es nach 1945 an den Gemeindespitzen weiterging: Acht von 28 Bürgermeistern blieben im Amt. Schnell war man reingewaschen oder hatte Haftstrafen abgesessen. Hans Bernhard etwa, einst Kreisleiter und der mächtigste Mann im Bezirk während der NS-Zeit, wurde 1948 zu zehn Jahren schwerem Kerker verurteilt. 1949 richteten fast alle Bürgermeister ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten, weshalb er schon Ende 1949 wieder freigelassen wurde.

Aber auch Heiteres gibt es im Buch zu lesen. Den wohl kuriosesten Gemeinderatswahlkampf legte die Außerferner Ortschaft Kaisers hin, die bis 1938 zum Bezirk Landeck gehörte. Dort traten 1928 gleich sechs Listen an – bei 69 Wahlberechtigten gab es dort ein regelrechtes Griss.

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Für seine zweijährigen Recherchen verbrachte Jenewein sehr viel Zeit im Landesarchiv. „Zu 99,9 Prozent haben wir die Lücken geschlossen“, erklärt er. So manche Kommune wird nun ihre Geschichte etwas umschreiben müssen. Schmankerln gibt es auch bei den Namen der Listen, die bei vergangenen Gemeinderatswahlen angetreten sind. In Schönwies kandidierte zum Beispiel 1928 „Die Partei der schärferen Richtung“. In Prutz gab es die Partei der „Zugewanderten“, die sich mit den Alteingesessenen zankte.

„Gemeindepolitik in turbulenten Zeiten 1919–1950“ von Manfred Jenewein ist im Eigenverlag erschienen und bei der Tyrolia Landeck, dem Kaufhaus Grissemann oder direkt beim Autor erhältlich. E-Mail: manfred.jenewein@aon.at


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