Mordversuch an eigener Mutter: 13 Jahre Haft für 26-jährigen Innsbrucker

Lebensbedrohende Attacken auf die eigene Mutter wurden am Mittwoch von Geschworenen einstimmig als Mordversuch erkannt. 13 Jahre Gefängnis ergingen nicht rechtskräftig.

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Der 26-jährige Innsbrucker wollte seine Mutter unter Einfluss einer Psychose attackiert haben.
© Fellner Reinhard

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Der Innsbrucker Schwurgerichtssaal hat schon vieles gesehen. Ein Mordversuch an der eigenen Mutter wurde dort bislang in der jüngeren Geschichte aber nicht verhandelt. Am Mittwoch richtete sich so eine Anklage gegen einen 26-jährigen Innsbrucker.

„Sie ist eine Hexe!“

Ende Juli hatte er um 4.40 Uhr den Polizeinotruf um Hilfe gebeten – die TT berichtete: „Ich versuche gerade meine Mutter umzubringen, aber es geht nicht, sie ist eine Hexe!“, hatte der 26-Jährige dem verdutzten Beamten erklärt. Als die Polizei wenig später bei der Wohnadresse der Frau auftauchte, war der Anrufer schon weg. Dafür fanden die Beamten die an sich lebensgefährlich verletzte Frau röchelnd am Boden vor. Ihr Sohn hatte sie so lange gewürgt, dass es schon zu Stauungsblutungen gekommen war. Messerstiche in Richtung des Bauches hatten die Frau jedoch glücklicherweise verfehlt. Schon eine Stunde später konnte der Täter festgenommen werden. Auf Frage der Polizisten, ob er denn wisse, warum, hatte er geantwortet: „Ja, weil ich meine Mutter erwürgt habe!“ Als Grund hatte der Festgenommene angegeben, dass ihn seine Mutter und die Großmutter hypnotisiert hätten und er sich habe wehren müssen.

Die Tat spielte sich in der Wohnung der Frau in einem Mehrparteienhaus in Innsbruck ab.
© LIEBL Daniel | zeitungsfoto.at

Wie die psychiatrische Sachverständige Gabriele Wörgötter vor den Geschworenen ausführte, ging der Tat eine äußerst problematische Eltern-Kind-Beziehung voraus. Schon früh hatten sich die Eltern getrennt. Gewalt sei auch gegenüber den Kindern an der Tagesordnung gewesen. Darauf wechselte der Angeklagte über Jahre zwischen Vater und Mutter hin und her. Später konnte der junge Mann niemals in der Gesellschaft Fuß fassen. Die „Sozialisationsbedingungen sind dafür verantwortlich“. Psychiaterin Wörgötter: „In ihm hat sich ein Gefühl von Hass und Verzweiflung über die eigene Situation aufgebaut, für die er seine Mutter als Schuldige erkannt hat. Die familiären Bedingungen waren für ihn niemals haltgebend. So liegt bei dem Untersuchten nunmehr diagnostisch eine schwere Persönlichkeitsstörung auf Borderline-Niveau vor, dies mitsamt verringerter Impulskontrolle und Alkoholmissbrauch.“

Trotzdem erklärte die erfahrene Psychiaterin den Mann zur Tat für zurechnungsfähig und orientiert. Die vom Angeklagten immer wieder vorgebrachte Psychose, dass ihm die Mutter damals als Hexe erschienen sei, konnte Wörgötter jedoch nicht bestätigen. Dieser hatte zwar am Mittwoch im Prozess noch betont, dass ihm „das Würgen der Hexe damals nach 20 Minuten zu bestialisch geworden war und er ihr eigentlich noch den Hals durchschneiden wollte“, war aber laut Krankengeschichte noch niemals psychotisch. „Er hat mir gegenüber angegeben, dass er letztlich sehr wohl gewusst hat, dass die Mutter keine Hexe ist. Er hatte nur das Gefühl, dass seine Mutter böse ist, eine böse Frau, eine Hexe.“ Dass der Angeklagte diesbezüglich unter einer Störung der Wahrnehmung oder des Realitätsbezugs leide, dafür gebe es keinen Hinweis: „Eine realitätsbezogene Befürchtung ist noch lange kein wahnhaftes Geschehen!“

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📽️ Video | Prozess nach Mordversuch:

Mutter entschlug sich der Aussage

Die als Zeugin geladene Mutter wollte zum Vorfall vor Gericht nichts mehr sagen und entschlug sich der Aussage – auch alle ihre vorhergehenden Aussagen waren für das Schwurgericht so nicht mehr zu verwenden. Der Sohn versöhnlich: „Ich war psychotisch. Ich bin froh, dass meine Mutter lebt. Ich bin froh, dass sie jetzt da ist und dass es ihr gut geht, es tut mir leid!“

Auch die Mutter schien ihrem Sohn verziehen zu haben. Die Verteidigung brachte für den Angeklagten noch den strafbefreienden Rücktritt vom Versuch vor. Schließlich hätte der Sohn die ohnmächtige Mutter töten können, wenn er wirklich gewollt hätte.

Für Staatsanwalt Christoph Larcher führte indes rechtlich in diesem Fall kein Weg an einer Verurteilung wegen Mordversuchs vorbei.

Auch die Geschworenen sahen es einstimmig so. Für Mordversuch verhängten sie nicht rechtskräftig 13 Jahre Haft – zehn Jahre bis lebenslange Haft drohten. Schwurgerichtsvorsitzender Hermann Hofer: „Der Gesetzgeber wertet eine solche Tat gegen die Mutter als besonders verwerflich. Schon ein sehr hohes Maß an Brutalität, diese so lange zu würgen. Sie hat mit Glück überlebt.“


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