„The Power of the Dog“: Ein Cowboy von Gestern gegen die neue Zeit

Für „The Power of the Dog“ wurde Regisseurin Jane Campion in Venedig ausgezeichnet. Nun kommt der starbesetzte Spätwestern in die Kinos.

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Ein Unsympath hoch zu Ross: Benedict Cumberbatch brilliert in „The Power of the Dog“ als bärbeißiger Rinderzüchter.
© Netflix

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Jane Campions Western „The Power of the Dog“ ist eigentlich ein Familiendrama. Doch die gibt es bekanntlich immer und überall, auch an der Schwelle einer neuen Zeit im Montana der 1920er-Jahre. Die beiden Brüder Phil und George Burbank haben es als Rinderzüchter zu Wohlstand gebracht. Der ruhige George findet sich in die neue Rolle eines reichen Landbesitzers ein, trägt Anzug und schafft sich ein Automobil an. Außerdem bandelt er mit der Witwe Rose an, die ein Restaurant betreibt, das nicht mehr viel mit den wilden Saloons der Gründerzeit gemein hat. Die beiden heiraten und Rose bringt ihren Teenager-Sohn Peter mit auf die Ranch. Der ist sensibel und zart, bastelt Papierblumen und will Medizin studieren. Dadurch wird er zum Spott-Objekt des unfeinen Phil und seiner Cowboys. Der zelebriert nämlich noch immer das harte Leben eines Westmanns in der Prärie, dreckig-ungehobelt und naturverbunden-direkt. Einst war er selbst gebildet und poetisch unterwegs, doch zusammen mit seinem Cowboy-Mentor Bronco Henry kehrte er der modernen Welt der Ostküste den Rücken. Erst spät im Film erfahren wir, was hinter seiner dominanten Härte steckt.

📽️ Trailer | „The Power of the Dog“

Der Konflikt dieser Patchwork-Familie spiegelt zugleich auch den Identitätskonflikt der USA wider, der stark in die Gegenwart mit ihrer gespaltenen Gesellschaft hineinreicht. Die jungen USA werden erwachsen und der Western als amerikanische Mythensammlung verhandelt diesen Prozess im Rückspiegel. Die Moderne holt den Ethos der Siedler und Pioniere der Gründungs-Epoche ein, ersetzt die alten Freiheiten mit neuen. Phil wehrt sich gegen diese unvermeidliche Entwicklung, mit aller maskulinen Brutalität, die ihm in der alten Welt Sicherheit verschafft hat. Das macht ihn zu einer ebenso unsympathischen wie faszinierenden Hauptfigur, genial maßlos und oscarreif gespielt von Benedict Cumberbatch. Die realen Partner Jesse Plemons und Kirsten Dunst sind als ruhige Eheleute hilflos gegen diese Dominanz von Phil. Währenddessen wird Stief-Neffe Peter, verkörpert vom 25-jährigen Kodi Smit-McPhee, im Lauf des Films immer mehr zu dessen Gegenpol.

Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion (Drehbuch-Oscar und Goldene Palme für „Das Piano“) filmt in ihrem Heimatland den amerikanischen Wilden Westen mit streng komponierten Bildern der weiten Landschaft, oft aus der Perspektive des Herrschaftshauses. Wie in Martin Scorseses Historiendrama „The Age of Innocence“ liegt die Zeitenwende in der Luft oder ist wie in vielen Spätwestern eigentlich bereits vollzogen. In mehreren etwas spröde aneinandergereihten Kapiteln entwirft Campion ein schmerzvolles und raffiniertes Szenario, frei nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Savage aus dem Umbruchsjahr 1967. Dafür gewann sie beim Filmfestival Venedig den silbernen Löwen für die beste Regie. Am Ende des nach einem Bibelvers benannten Dramas haben Wissenschaft und Vernunft auf unerwartete Weise das letzte Wort. Ein intelligenter Ausflug in die Western-Vergangenheit, der lange nachwirkt.

The Power of the Dog. Ab 16 Jahren. Ab Freitag im Kino. Ab 1. Dezember auf Netflix abrufbar.


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