Burgtheater: Dunkle Trümmer-Seelen tanzen Schicksals-Walzer

Johan Simons reüssiert am Burgtheater mit einer sehr eigenen Sichtweise auf Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“.

  • Artikel
  • Diskussion
Einsam im Wiener Wald: Sarah Viktoria Frick und Nicholas Ofczarek als beeindruckendes Albtraum-Paar Marianne und Oskar.
© Horn

Wien – Ein Segen! Bevor der nächste Lockdown ins Haus steht und die Theater ihre Tore schließen müssen, ging sich am Donnerstag noch eine bemerkenswerte Premiere aus. Drei wahrhaft erfüllte Stunden konnte man sich am Burgtheater davon überzeugen, dass ein kluger Regie-Zugriff einen neuen Blick auf ein äußerst populäres Bühnenstück wie Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ werfen kann.

Dabei wird nicht lärmend dekonstruiert, sondern leise verschoben, entrückt. Der niederländische Regisseur Johan Simons, der am Burgtheater zuletzt „Richard II.“ inszenierte, lässt die Figuren dieses „Volksstücks“ gleichsam wie in Waagschalen platziert um Balance ringen. Vielleicht deshalb, als Bild, auch die geheimnisvolle Glaskugel, die mittig wie ein Pendel vom riesigen Krangalgen hängt, an dessen einem Ende eine Art Metallparavent mit Metzgerei, Zauberkönigs Laden wie Tabaktrafik und am anderen das Wachauer Häuschen schwebt (Bühne: Johannes Schütz).

„Könnte ich so, wie ich wollte“ scheint all den Kleinbürgern, die die reduzierte Szenerie bevölkern, eingeschrieben zu sein. Ausdruck findet dieses Begehr jedoch nur in seltsamen Bewegungen, entglittener Mimik, tragischem Slapstick. Hier zeigt sich die Kraft von Simons Horváth-Interpretation, die im Verein mit einem wagemutigen Ensemble erschüttern wie schaudern machen kann. Zuallererst Sarah Victoria Frick: Sie ist der Angelpunkt des Stückes, die „Marianne“, die in der Puppenklinik ihres Vaters versauert, dem biederen Fleischer Oskar versprochen ist, im Drang nach Freiheit dem Strizzi Alfred verfällt, im Nachtklub landet, deren Kind stirbt und die schlussendlich doch noch Oskars Frau werden wird. Horváths „Marianne“ hegte den Wunsch, rhythmische Gymnastik zu studieren – Simons und Frick lösen diese Idee kongenial ein, indem die Darstellerin jede ihrer körperlichen Begegnungen, mit Oskar, mit Alfred und auch jene mit der Baronin (Glanzrolle für Maria Happel!) in einer bizarren Nachtklub-Performance, zu einem Stück zeitgenössischen Tanztheaters, untermalt von Schweinegrunzen bis hin zum Donauwalzer, erhöht. Fabelhaft!

An ihrer Seite ist Nicholas Ofczarek, ein „Oskar“, bei dem man froh ist, wenn das oben erwähnte „Könnte ich …“ nur im Kopf stattfindet. Was Ofczarek mit verräterischen Gesten und sanfter Stimme an gefährlich verletztem Stolz, Wut auf die eigene Spießigkeit, Frauenverachtung und Gewalt-Lust ahnen lässt, macht ebenso Angst wie sicher, dass Marianne an seiner Seite kein „ruhiges“ Leben erwartet.

3 x Futterkutter-Kochbuch zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Der „Alfred“ des Felix Rech kann glaubhaft Marianne, seine in der Wachau lebende Mutter (emotional: Annamária Láng) wie seine Großmutter (durchtrieben: Gertrud Roll) zumindest zeitweise um den Finger wickeln, ein Tunichtgut ohne Aussicht auf Besserung. Beeindruckend an diesem im besten Wortsinn eigentümlichen Schauspieler-Abend auch Sylvie Rohrer als Trafikantin Valerie, Oliver Nägele als Zauberkönig, Martin Schwab als Rittmeister, Jan Bülow als Jung-Nazi Erich und Falk Rockstroh als ziemlich widerlicher „Selfmade-Man“. Unbedingte Empfehlung – nach dem Lockdown.


Kommentieren


Schlagworte