Symphonieorchester: Kraftvoll und selbstbewusst in die Zwangspause

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck mit veränderter Grundaufstellung und Musik von Beethoven und Tschaikowski.

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Ziyu He sprang als Violinsolist kurzfristig ein und wusste vollends zu überzeugen.
© Cho/wefeelart.at

Von Markus Schramek

Innsbruck – Donnerstagabend im Congress. Es riecht nach Lockdown. Unzählige Masken im trotz alledem gut besuchten Saal Tirol. Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (TSOI) präsentiert sich mit breiter Brust und, hier kommt es semantisch auf Nuancen an, nicht umbesetzt, sondern umgesetzt. Chefdirigent Kerem Hasan hat die Sitzordnung des TSOI für das 2. Symphoniekonzert der noch jungen Saison markant verändert, zum ersten Mal überhaupt.

Erste und Zweite Geigen, für gewöhnlich auf der Bühne unmittelbare Sitznachbarn, können einander an diesem Abend von den Flanken des Orchesters aus einiger Entfernung zuwinken (so sie das denn wollten). Die Celli rücken in die Mitte. Kontrabässe wechseln ebenfalls die Seite und beziehen Stellung hinter den Ersten Geigen.

Dieses Re-Arrangement soll das Klangbild verändern, und das tut es wohl auch. Die beiden Violingruppen erzielen so etwas wie Stereowirkung, speziell bei Tschaikowskis Symphonie Nr. 6 in h-Moll, besser bekannt als „Pathétique“. Das schmückende französische Beiwort lässt sich breitest übersetzen, so als „leidenschaftlich“ oder auch als „pathetisch“ im Sinne von „allzu gefühlsbetont“.

Das Spätwerk des 1893 unter mysteriösen Umständen verstorbenen Komponisten wird unter Kerem Hasans Dirigat beiden Beschreibungen gerecht. Die Stimmung springt von düster, schwer und ominös im dritten Satz um auf furios und temperamentvoll. Hier zündet das TSOI ein sinfonisches Feuerwerk mit ordentlich Zunder und nicht zu knapper Lautstärke. Ein wuchtiges, selbstbewusstes Ausrufezeichen in Zeiten wie den unseren.

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Zum Auftakt des Abends erklingt Geigenspiel auf Top- niveau. Der Chinese Ziyu He ersetzt den erkrankten Solisten Daniel Lozakovich. Mühelos arbeitet sich der Einspringer durch die irren, rasenden Notenläufe, die sich Beethoven anno 1806 für sein Opus 61, ein Konzert für Violine und Orchester, einfallen hat lassen. Höchst anspruchsvoll, mit etlichen Solopassagen, bei denen das Orchester gänzlich schweigt. He spielt mit geschlossenen Augen, versunken, großartig.

Ab Montag also drei Wochen Zwangspause. Das TSOI will sich danach mit dem Neujahrskonzert zurückmelden. Das müsste sich doch ausgehen. Abstand halten, Daumen halten!


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