Bissig gegen das, was an ihm nagt: Billy Wilder wird Romanfigur

Billy Wilder floh vor den Nazis und schrieb Filmgeschichte. Der Autor Jonathan Coe macht ihn nun zur Romanfigur.

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Billy Wilder schuf mit „Manche mögen’s heiß“, „Das Appartment“ und „1, 2, 3“ einige der besten Komödien der Filmgeschichte.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Von Billy Wilder hat Calista noch nie etwas gehört. Aber das verwundert nicht. In Hollywood zählt immer nur der letzte Film. Und Wilders letzte Filme waren Flops. Als Calista Wilder zufällig kennen lernt – wir schreiben das Jahr 1976 –, ist der große Regisseur also ziemlich weit weg vom Fenster. Die neuen Könige der amerikanischen Filmfabriken sind jünger, unrasiert und drehen Filme über Mafiosi, Taxifahrer oder weiße Haie. Wilder ist ratlos, ätzt mit Galgenhumor über das „New Hollywood“ – und bereitet seinen nächsten Film vor. Der heißt „Fedora“ und sollte sein vorletzter werden: eine in die Groteske weitergedachte Variation seines Meisterwerks „Boulevard der Dämmerung“ – und ein Desaster. Jedenfalls kommerziell. Aber das ist in Jonathan Coes „Mr. Wilder & ich“ noch Zukunftsmusik. Und es liegt gleichzeitig lange zurück. Gut 40 Jahre nach dem „Fedora“-Dreh erinnert sich Calista daran. Wilder hat sie als junge Frau als Dolmetscherin für den Dreh in Griechenland engagiert. Und vielleicht auch als Versicherung, dass er doch noch nicht ganz aus der Zeit gefallen ist. Vom Aus-der-Zeit-Fallen und vom Kampf dagegen erzählt Wilder in „Fedora“ als weichgezeichnetem Hochglanzhorror.

Jonathan Coe.
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Calista ist eine Erfindung von Jonathan Coe. Sie ist sein Schlüssel für die Geschichte, die sich ansonsten eng am Belegten bewegt. Seine Quellen führt der britische Autor penibel an. Der Erzählung schadet die Faktentreue aber nicht. Im Gegenteil: Sein Porträt des mit der Welt hadernden Wilder ist bestechend. Er zeichnet Wilder, der einige der besten Komödien der Filmgeschichte schrieb und inszenierte, als tieftraurigen Spaßvogel. Mangels amerikanischer Investoren muss er „Fedora“ in den Münchner Bavaria-Studios fertigstellen. Dort holt ihn seine Vergangenheit ein. In den 30er-Jahren flüchtete der in Galizien geborene und in Wien aufgewachsene spätere Oscar-Preisträger vor den Nazis in die USA. Seine Mutter wurde ermordet. Als Offizier der US-Army kehrte er ins befreite Europa zurück, um an einem Dokumentarfilm über die Konzentrationslager zu arbeiten. Davon lässt Coe Wilder im München der 70er-Jahre bei einem Abendessen erzählen. Frühere Parteigänger beteuern Unschuld. Einer wittert gar Erfindung. Billy Wilder bleibt unerbittlich: „Wenn die Lager erfunden waren, wo ist dann meine Mutter?“ Mit „Mr. Wilder & ich“ hat Jonathan Coe einen federleichten Roman über die Grausamkeit des 20. Jahrhunderts geschrieben. So wie Wilder aus persönlichen und gesellschaftlichen Abgründen bissige Comedy gemacht hat. Dem Meister wird der Autor also gerecht. Und dessen – zugegeben: grandios gescheitertem – Film „Fedora“ auch.

Aus dem Englischen von Catherine Hornung. Folio, 276 Seiten, 22 Euro.

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