„Situation außer Kontrolle“: Schülervertreter fordern Distance Learning

Alles ist zu, nur die Schulen sind voll. In einem offenen Brief an die Regierung rechnen Schülervertreter, Lehrpersonen, Wissenschafter und Eltern mit dem Corona-Management der Regierung ab.

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Schülervertreter sind angesichts des Infektionsgeschehens an den Schulen alarmiert.
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Innsbruck – Österreich ist seit Montag im vierten Lockdown. Mindestens drei Wochen lang soll alles zu bleiben, was nicht lebensnotwendig ist. Auch gearbeitet werden soll – soweit es möglich ist – von zuhause aus. Geöffnet bleiben hingegen die Schulen – trotz höchster Inzidenzwerte bei Kindern und Jugendlichen. Die Verantwortung schiebt die Politik den Eltern zu: Sie sollen entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken oder lieber zuhause lassen. Wer zuhause bleibt, muss sich den von den Lehrpersonen bereitgestellten Stoff in Eigenstudium aneignen.

Erste Berichte zeigen, dass viele dann doch lieber die Variante vor Ort wählen: In Tirol blieben am Montag nur gut 15 Prozent aller Schülerinnen und Schüler daheim, österreichweit waren es gut ein Viertel.

📽️ Video | Erster Schultag im vierten Lockdown

Doch während die einen sich über die offenen Schulen freuen, wird die Regelung von anderen hart kritisiert. Mehr als 100 Schulsprecher, Lehrpersonen, Ärzte, Wissenschafter und Eltern rechnen nun in einem offenen Brief mit der Corona-Politik der Regierung ab. Denn diese, so beklagen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, hat beim Schutz von Schulkindern versagt. Sie fordern Kanzler Alexander Schallenberg, Bildungsminister Heinz Faßmann (beide ÖVP) und Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) auf, die „Notlage“ an den Schulen zu beenden und für 14 Tage auf Distance Learning umzustellen – mit Betreuungsmöglichkeiten für jene, die sie benötigen.

„Die Situation ist außer Kontrolle“

Bereits zu Schulbeginn sei die Lage kritisch gewesen – die Inzidenz unter den Schülern vergleichsweise hoch, die Impfquote niedrig, heißt es in dem Schreiben. „Von vornherein war klar, dass die von Ihnen gesetzten Maßnahmen nicht ausreichen würden. (...) Sie haben nicht aus der Vergangenheit gelernt und nahezu alle Fehler wiederholt“, kritisieren die Unterzeichner. Alle Appelle aus den Schulen und seitens der Wissenschaft seien ignoriert worden.

Die Konsequenzen seien „erschreckend“: Mehr als 60.000 Schülerinnen und Schüler hätten sich laut AGES seit Schulbeginn mit dem Coronavirus infiziert. Die Inzidenz bei fünf- bis 14-Jährigen habe mit Stand 19. November österreichweit bei 2123 gelegen. „Die Situation ist außer Kontrolle.“

„Einschneidende Maßnahmen an Schulen sind alternativlos geworden“, bilanzieren die Verfasser des Schreibens und fordern von der Regierung: „Übernehmen Sie Verantwortung“.

Die Forderungen an die Regierung

  • Distance Learning an allen österreichischen Schulen für 14 Tage zur Unterbrechung von Infektionsketten
  • Betreuung an Schulen für alle Schüler:innen, die sie brauchen
  • Sonderbetreuungszeiten für alle Eltern, um so viele Schüler:innen wie möglich zuhause behalten zu können
  • Flächendeckenden Ausbau des PCR-Testangebots für Schüler:innen
  • Drei wöchentliche PCR-Tests an allen Schulen inklusive Wertung von schwach positiven Tests bei Wiederaufnahme des Schulbetriebs

Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger von der ÖVP-nahen Schülerunion setzt hingegen auf „wirklich sichere und offene Schulen für die, die in die Schule wollen,“ durch lückenloses Contact Tracing und eine strengere Teststrategie. Für jene, die aus Angst vor Ansteckung daheimbleiben, müsse es allerdings einen funktionierenden Hybridunterricht geben. Vom Bildungsministerium fordert sie dringend klarere Kommunikation ein, die derzeitige Situation in den Schulen sei nämlich „sehr chaotisch“. (ema, TT.com)

📽️ Video | Bundeselternverband-Präsident Christoph Drexler in „Tirol Live"

Distance Learning ab zweitem Infektionsfall in der Klasse

Zumindest auf einen Schritt in Richtung der Forderungen der Schülervertreter haben sich Bildungs- und Gesundheitsministerium am Dienstag verständigt. So sollen Klassen künftig bundesweit ab dem zweiten Corona-Infektionsfall für mindestens fünf Tage ins Distance Learning geschickt werden. Allerdings muss dies auch noch mit den Ländern akkordiert werden. Damit würden die Schulen bzw. Schulbehörden de facto Teile der Aufgaben der Gesundheitsbehörden in diesem Bereich übernehmen.

Künftig soll die Regel lauten: Sollte in einer Klasse ein Infektionsfall auftreten, muss nur das betroffene Kind daheimbleiben. Für alle anderen Kinder läuft der Unterricht weiter, sie müssen aber fünf Tage lang täglich testen. Ab dem zweiten Fall in der Klasse wechselt die gesamte Klasse nach Rücksprache mit der jeweiligen Bildungsdirektion ins Distance Learning. Dort verbleiben die Kinder in der Regel für fünf Tage. Anschließend muss ein Test absolviert werden – wenn möglich ein PCR-Test. Dann können die (negativen) Kinder wieder zurück in den Präsenzunterricht.

Bisher schickten die Gesundheitsbehörden die Kinder also in Quarantäne (oder auch nicht), wodurch sich bei entsprechenden Fallzahlen in einer Klasse Distance Learning ergeben konnte. Künftig soll die Schule in Absprache mit der Bildungsbehörde direkt das Distance Learning verordnen können. Die Maßnahme muss noch mit den Ländern abgestimmt werden, betonte man im Gesundheitsministerium gegenüber der APA. Dazu sollen noch heute Gespräche stattfinden – die Länder hatten allerdings bereits gestern solch eine Regelung eingefordert.


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