Männergewalt am Pranger: Besonders gefährlich ist es für Frauen daheim

Heute startet die Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. Trotz guter Hilfsangebote für Betroffene gibt es in Tirol noch viel zu tun.

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Innsbruck – Es ist eine traurige Bilanz. 27 Frauen wurden heuer in Österreich mutmaßlich von ihrem Ex-Partner, dem Lebensgefährten, einem Bekannten oder Familienmitglied getötet. In 47 weiteren Fällen spricht die Polizei von Mordversuch. „Das Problem ist riesig, so kann es nicht weitergehen“, sagte die in Tirol für das Thema zuständige Landesrätin Gabriele Fischer bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“.

Beginnend heute wird bis inklusive 10. Dezember weltweit ein Problem angeprangert, das laut Fischer hierzulande „erschreckende und dramatische“ Ausmaße angenommen hat. „Wir müssen dringend versuchen, die von Männern ausgehende Gewalt zu stoppen.“ Besonders jene, die im engsten sozialen Umfeld passiert. Im gesamten Jahr 2020 wurden vom Tiroler Gewaltschutzzentrum 1102 Frauen beraten, die Opfer von häuslicher Gewalt oder Stalking wurden. Heuer sind es – Stand gestern – schon 1212. Von der Polizei wurden im Vorjahr 860 Fälle übermittelt, wobei 715 Betretungsverbote verhängt wurden. Bis inklusive 24. November waren es im Jahr 2021 bereits 977 Fälle, davon 894 Betretungsverbote. „Für Frauen sind nach wie vor die eigenen vier Wände der gefährlichste Platz“, erklärte Fischer.

In Tirol gibt es ein breites Beratungs- und Hilfsangebot, das im Internet unter gewaltfrei-tirol.at zu finden ist. Und scheinbar immer mehr Betroffene, die es in Anspruch nehmen müssen. Gabi Plattner, Geschäftsführerin des Tiroler Frauenhauses, meinte, das könne daran liegen, dass Gesetze und Infrastrukturen zwar zeitgemäß seien, es bei „der Geschlechtergerechtigkeit aber noch viel Nachholbedarf gibt“. Da Frauen hierzulande etwa nicht selten finanziell abhängig von ihren Partnern oder Ehemännern seien, würden sie sich schwertun, das von Gewalt geprägte Umfeld zu verlassen. „Damit sich das ändert, muss noch viel investiert werden“, sagte Plattner.

Landesrätin Fischer rief die Männer dazu auf, aktiv zu dieser Veränderung beizutragen. „Sie müssen am Arbeitsplatz, in der Familie und dem Freundeskreis ein klares Statement setzen, dass sie jegliche Form von Gewalt ablehnen, sich dagegen stellen und Zeichen setzen.“

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Innsbruck druckt Notfallnummern auf Quittungen

Die Stadt Innsbruck wird bis Jahresende auf allen Kassenbons, die von der Stadt ausgestellt werden und wo es technisch möglich ist, die Nummer der Frauenhelpline drucken und auf deren Homepage verweisen. Damit möchte man von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen einen niederschwelligen Zugang zu Hilfe bieten, sagte Initiatorin und Gemeinderätin Zeliha Arslan (Grüne) anlässlich der Aktion „16 Tage gegen Gewalt". Zudem wird die Nummer bei Öffis angezeigt.

Weil Gewalt meist im Privatbereich stattfinde, seien „Informationskampagnen für Schutz- und Präventionsarbeit so wichtig", teilte Arslan in einer Aussendung mit. Alle seien gefordert, "genauer hinzuschauen und zu helfen", sagte sie. Durch die Aktion soll Betroffenen vermittelt werden, dass sie nicht alleine seien. Man müsse Menschen „aus den verschiedensten Milieus erreichen" – „egal ob beim Meldeamt oder bei der Stadtkasse", hielt die Politikerin fest.

Kein „Nationalitätsproblem"

Zusätzlich wird die Notrufnummer auf den elektronischen Anzeigetafeln der Innsbrucker Verkehrsbetriebe und der Stubaitalbahn an den Bus- und Straßenbahnhaltestellen angezeigt, kündigte Frauenstadträtin Elisabeth Mayr (SPÖ) an. Die auch für Integrationsagenden zuständige Politikerin betonte, dass Frauenmorde kein „Nationalitätsproblem" sei. In unserer Gesellschaft gebe es ein „massives Problem mit häuslicher und struktureller Gewalt, mit Benachteiligung, Diskriminierung und Demütigung gegenüber Frauen".

Die Beratungen der Frauenhelpline sind rund um die Uhr an 365 Tagen möglich, kostenlos und anonym. Zudem werden sie in Deutsch, Arabisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Englisch, Rumänisch, Spanisch und Türkisch angeboten. (bfk, APA)


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