Die Bettler-Kinder von Prizren: Concordia hilft Familien im Kosovo

Arbeit gibt es im Kosovo nur wenig, das Sozialsystem ist marode. Viele Familien schicken deshalb ihre Söhne und Töchter auf die Straße statt in die Schule. Dort sammeln sie Müll oder Almosen. Ein Besuch.

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Jedes zweite Kind im Kosovo lebt unter der Armutsgrenze, jedes fünfte in extremer Armut.
© Concordia/Katharina Wagner

Von Benedikt Mair

Prizren – Kinder tollen über den Betonboden des Vorhofes, als Spielzeug dienen alte Plastikkübel und Fetzen aus Stoff. Eine junge Frau kniet am Boden und wäscht mit dem Gartenschlauch Gläser und Töpfe – Dutzende davon. Aferdita B. steht in einem Eck vor einem Wäscheständer und beobachtet das Geschehen. Hier, im Viertel Ortakoll, zehn Gehminuten vom Zentrum der südkosovarischen Stadt Prizren entfernt, lebt sie mit ihrem Mann Naser seit etwa sieben Jahren. Die beiden haben neun Söhne und fünf Töchter, von denen einige auch bereits Eltern geworden sind. Insgesamt 24 Menschen nennen die aus zwei Zimmern und einem schmalen Gang bestehende Baracke ihr Heim. „Regnet es, tropft Wasser rein“, sagt Aferdita, die vom Staat monatlich etwa 100 Euro Rente bekommt. Die Miete für die baufällige Hütte ist mehr als doppelt so hoch.

Aferditas Mann ist gesundheitlich angeschlagen, kann deshalb nicht arbeiten. Auch ihr selbst geht es oft nicht gut. Fehlt das Geld für Medizin, legt sie sich einfach hin und schläft, bis die Krankheit vorbei ist. Viele in der Familie versuchen hie und da an Jobs zu kommen. In einem Land, wo rund ein Viertel der Bevölkerung als beschäftigungslos gilt, kein leichtes Unterfangen. Die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, reichen eigentlich nie. Um an Brennmaterial für den Ofen zu kommen, werden die Burschen mit einem Karren in die Stadt geschickt, wo sie Holzabfälle sammeln. „Es passiert, dass zwei oder drei Tage nichts auf dem Teller landet. Und dann vielleicht ein bisschen Brot“, meint Aferdita. Sie, ihr Gatte, die erwachsenen Töchter und Söhne können eine Zeit lang ohne Essen auskommen. „Auch die Kleinen gehen manchmal ohne ins Bett. Aber irgendwann brauchen sie was, weil sie wachsen. Damit ich Nahrung kaufen kann, muss ich die Kinder zum Betteln schicken.“

Aferdita und ihr Mann leben mit ihrer Familie in einer Baracke im Zentrum von Prizren. 24 Menschen teilen sich zwei kleine Räume.
© Mair

Familie B. ist kein Einzelfall. Zahlreiche Menschen leben im Kosovo unter der Armutsgrenze. Das Sozialsystem ist marode. Es gibt weder Kranken- noch Arbeitslosenversicherungen. Unterstützung zu beantragen ist extrem kompliziert. Wer diese Hürde nimmt, bekommt dennoch wenig Geld. Bitten Burschen und Mädchen auf der Straße um Almosen, können sie in Prizren bis zu 100 Euro verdienen. Pro Tag.

„Wir haben hier viele Menschen, die Hilfe des Staates brauchen würden“, sagt Habit Hajredini. „Aber das Budget ist sehr gering.“ Hajredini arbeitet im Büro des kosovarischen Premierministers, ist Leiter des Büros für Good Governance, Menschenrechte, Chancengleichheit und Gender-Themen und meint, dass „niemand aus dem System ausgeschlossen wird“. Das Land, so sieht er es, kümmere sich um seine Bürger. „Es ist dennoch besser, wenn wir eine Möglichkeit schaffen, wo die Leute arbeiten können, anstatt dass sie zu sehr im sozialen Netz hängen.“

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Kumrije Bytyqi, die Direktorin des Zentrums für Soziale Angelegenheiten in Prizren, sieht das differenzierter. Die öffentlichen Einrichtungen in der zweitgrößten Stadt des Kosovo seien zum Teil maßlos überlastet, erklärt sie. Beispielsweise werden rund 200 Buben und Mädchen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen – etwa Autismus – unterstützt. Ihre Familien erhalten monatlich rund 100 Euro. „Das Geld reicht bei uns vorne und hinten nicht aus, mehr ist aber eigentlich kaum drin.“ Kinderarbeit, sei es beim Sammeln von Müll oder Altmetall oder beim Betteln, sei eines der großen Probleme in der Region. „Es gab zuletzt große Polizeiaktionen gegen das Bitten um Geld, die Kinder wurden vom Platz verwiesen. Aber was willst du tun? Sie kommen immer wieder“, sagt Bytyqi. „In vielen Fällen versagen wir, weil die Eltern keinen Job finden und keine andere Möglichkeit auf ein Einkommen sehen.“

Kosovo: Kurz erklärt

Ein junges Land: Im Jahr 2008 erklärte der Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien. Der neue Staat wird von 115 der 193 Mitgliedsländer der Vereinten Nationen anerkannt. Bezahlt wird mit Euro. Haupt- und zugleich größte Stadt ist Pristina.

Der Krieg: Ende der 1990er-Jahre eskalierte ein seit Langem schwelender Konflikt um die Kontrolle in der Region. Die UCK („Befreiungsarmee des Kosovo“), eine albanische paramilitärische Organisation, kämpfte gegen die serbisch-jugoslawische Armee. Ab März 1999 griff die NATO in den Konflikt ein. In dem Krieg starben mehr als 13.000 Menschen.

Die Bewohner: Im hauptsächlich muslimisch geprägten Kosovo leben rund 1,8 Millionen Menschen, etwa die Hälfte davon ist jünger als 25 Jahre. Das Gros der Bevölkerung machen ethnische Albaner (92,9 Prozent) aus. Weitere Gruppen sind Bosnier (1,6 Prozent), Serben (1,5 Prozent) und Türken (1,1 Prozent).

Roma, Ashkali, Ägypter: Zirka zwei Prozent der Kosovaren sind Roma. Eine Besonderheit ist, dass sich diese – ihrem Selbstverständnis nach – aus drei Untergruppen zusammensetzen: Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter. Über die Gründe dieser Differenzierung gibt es mehrere Theorien und Mythen, bis hin zur von einigen Aschkali und Ägyptern für sich beanspruchten Abstammung von Gefolgsleuten Alexanders des Großen. Wahrscheinlich ist, dass die strikte Trennung erst in jugo­slawischer Zeit, aus dem Wunsch heraus, nicht als Roma gesehen und diskriminiert zu werden, entstand.

Bittere Armut: Einer von fünf Einwohnern des und eines von zwei Kindern im Kosovo lebt unterhalb der Armutsgrenze. Bei ethnischen Minderheiten ist die Situation noch dramatischer. Grund dafür ist unter anderem eine hohe Arbeitslosigkeit und ein marodes Sozialsystem.

Missbrauch und Gewalt: Zirka 19 Prozent der Frauen im Kosovo erlebten bereits körperliche oder sexuelle Gewalt, 29 Prozent berichten von Belästigung. Weit mehr als die Hälfte der Kinder im Alter bis 14 Jahre machen Erfahrungen mit physischer oder psychischer Gewalt.

In diesem Umfeld engagiert sich seit knapp einem Jahr die österreichische Hilfsorganisation Concordia. Am Rande von Prizren hat sie das Tranzit-Sozialzentrum übernommen. Rund 60 Kinder erhalten hier Unterstützung, mit einem Frühförderprogramm oder Hausaufgabenhilfe. Die Organisation plant, weitere Projekte im Kosovo zu etablieren.

„Der Staat versagt hier auf vielen Ebenen. Unsere Antwort auf Armut ist Bildung“, sagt Concordia-Geschäftsführer Bernhard Drumel. Statt zu betteln, sollen die Kinder in die Schule gehen. Dass das noch nicht der Fall sei, „ist hier überall sichtbar. Die Kinder stehen in Einkaufszentren, im Sommer dort, wo die Touristen sind, betteln bei Ampeln und Autobahnauffahrten. Wenn wir jene, die zu uns ins Zentrum kommen, auf der Straße sehen, sind wir am selben Tag bei der Familie.“ Nur so, glaubt Drumel, können diese überzeugt werden, dass der Nachwuchs in den Klassenzimmern besser aufgehoben sei.

Erste Erfolge zeigen sich bereits. Zum Beispiel bei Familie B. Deren Tochter Alena geht inzwischen zur Schule, drei der Söhne werden bald folgen. Es sollen nicht die letzten Kinder sein, denen geholfen wird.

TT-Leser beweisen ein großes Herz

Eines stellen die Tirolerinnen und Tiroler immer wieder unter Beweis: ihr großes Herz. Sind Menschen in Not, ist die Hilfsbereitschaft enorm. Davon profitiert unter anderem die gemeinnützige österreichische Hilfsorganisation Concordia, die sich hauptsächlich für Kinder und deren Familien im Kosovo, der Republik Moldau, in Bulgarien und Rumänien einsetzt. Der heutigen Ausgabe der Tiroler Tageszeitung liegt ein Zahlschein bei, mit dem Concordia-Projekte in diesen Ländern unterstützt werden können.

Die Organisation mit Sitz in Wien sichert eine medizinische Grundversorgung für die Ärmsten und stellt warme Mahlzeiten, Lernhilfen oder Tagesbetreuung bereit. Finanziert wird das alles größtenteils über Spenden, rein durch die TT-Leserschaft kamen im Vorjahr, während zweier Sammel-Aktionen, so 46.789 Euro zusammen. Im Jahr 2017 wurde mit Geldern der Leserinnen und Leser sogar ein ganzes Haus für Pflegekinder in Cahul, einem kleinen Ort in Moldau, realisiert.

Anfang November reiste die Tiroler Tageszeitung auf Einladung von Concordia nach Prizren, eine Stadt im Süden des Kosovo – den Bericht dazu lesen Sie oben.

Die Arbeit im Sinne von benachteiligten Kindern in ohnehin schon armen Ländern ist aufwändig und kostenintensiv. An die Hilfsorganisation kann ganzjährig gespendet werden, sie trägt das österreichische Spendengütesiegel.

Das Konto läuft unter IBAN: AT28 3200 0000 1318 7893 und BIC: RLNWATWW.


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