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Brüchiger Frieden fünf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs in Kolumbien

In Kolumbien folgte dem Boom die Rückkehr der Gewalt. Aber viele ehemalige FARC-Kämpfer wollen ein neues Leben.

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Kolumbiens Präsident Iván Duque (l.) und UN-Generalsekretär António Guterres besuchten im Rahmen des fünften Jahrestags des Friedensabkommens ein Wiedereingliederungscamp.
© AFP/Sarmiento

Bogotá –Als in Kolumbien Geschichte geschrieben wird, ist Luís Enrique Castillo auf der Finca seiner Eltern. Als Regierung und führende Guerilleros am 24. November 2016 in einem Theater in der Hauptstadt Bogotá nach so vielen Jahrzehnten endlich ein Friedensabkommen unterzeichnen, hat sich der ehemalige Guerillakämpfer nach Viotá zurückgezogen, ein kleines Dorf in der Provinz Cundinamarca. Dort pflanzt er Bananen an.

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52 Jahre herrschte in Südamerikas zweitbevölkerungsreichstem Land mit seinen heute 50 Mio. Einwohnern ein blutiger Bürgerkrieg. Etwa 220.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. Nach dem Friedensschluss sollten Ex-Kämpfer wieder ins zivile Leben eingegliedert werden. So wie Luís Enrique Castillo. Er wollte „neu anfangen und ein anderes, würdiges Leben führen“, sagte er der dpa. Mehr als zehn Jahre kämpfte Castillo bei den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“ (FARC). Mehrere Jahre saß er im Gefängnis.

Castillo hält sich an das Friedensabkommen, mit dessen Unterzeichnung und der Verabschiedung durch das Parlament sechs Tage später einer der längsten bewaffneten Konflikte der Welt endete. Nach Angaben der Regierung tun es etwa 5600 von 7500 ehemaligen FARC-Kämpfern ihm gleich. Doch Tausende sind auch wieder in den Untergrund gegangen.

Umsetzung läuft nicht wie erhofft

Camilo González Posso, Präsident der Nichtregierungsorganisation Indepaz, sagt der dpa: „Das Abkommen war wichtig, denn es bedeutete die Auflösung der wichtigsten bewaffneten Gruppe und schloss ein Kapitel in unserer Geschichte.“ Die Umsetzung ist zwar auf 15 Jahre angelegt – aber auch anderweitig läuft nach fünf Jahren einiges nicht wie erhofft.

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2016, in einer Atmosphäre des Friedens und der Versöhnung, war Kolumbien im Um- und Aufbruch. Die Mordrate war niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, der Tourismus boomte. González sagt: „Obwohl die Gewalt nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden ist, haben wir einen Gewinn an Menschenleben und neue Bedingungen für wirtschaftliche und politische Aktivitäten.“

So kamen in einem Jahr etwa erstmals mehr als fünf Millionen Touristen in das vielfältige Land zwischen Karibik, Anden und Pazifik. Der damalige Präsident Juan Manuel Santos bekam 2016 den Friedensnobelpreis. Die Sache mit dem Frieden war aber von Anfang an kompliziert. Umso mehr, als die Bevölkerung eine erste Version des Abkommens in einem Referendum ablehnte.

Als das Parlament das jetzige Abkommen am 30. November 2016 absegnete, wurde das Volk nicht mehr gefragt. Die Gegner des Abkommens boykottierten die Abstimmung. So spaltet es das Land bis heute. Santos’ Nachfolger, dem konservativen Iván Duque, werfen Kritiker vor, den Friedensvertrag bestenfalls halbherzig umzusetzen.

Gewalt hat wieder zugenommen

Vor allem in ländlichen Gegenden, wo ein Machtvakuum entstanden ist, tut der Staat sich schwer, die Sicherheit zu gewährleisten. Die Gewalt hat wieder zugenommen. Tausende ehemalige Mitglieder der FARC, die sich unter anderem mit Drogenhandel finanziert hat, kämpfen in früheren FARC-Gebieten um Einfluss mit Verbrechersyndikaten, die ebenfalls ins Drogengeschäft verwickelt sind. Kolumbien ist einer der weltgrößten Produzenten von Kokain, das aus der Kokapflanze hergestellt wird. Ein großer Teil des Kokains wird in die USA geschmuggelt.

Zum Friedensvertrag gehörte eine Strategie, den Bauern mit Subventionen für alternative Produkte wie Kaffee oder Bananen und Plänen für die Entwicklung ländlicher Gebiete aus der Armut zu helfen. Mit Koka kann man jedoch immer noch um ein Vielfaches mehr verdienen.

Für den ehemaligen Guerillakämpfer Castillo war das keine Option. Auf Initiative der Gemeinde Viotá nahm er 2019 an einem Kurs über Ökotourismus teil, mit 18 Ex-Kämpfern und auch Opfern des bewaffneten Konflikts gründete er dieses Jahr die Vereinigung „Fakten des Friedens“, die Besuchern das Leben auf dem Land zeigt. „Viele der Wege, auf denen wir früher als Guerillakämpfer unterwegs waren, sind jetzt Touristenpfade“, sagt Castillo. „Der Frieden ist der Weg.“

Dazu brauche es politischen und gesellschaftlichen Willen. Wie es mit dem Frieden weitergeht, dürfte auch auf die Präsidentschaftswahl 2022 ankommen. Castillos Anliegen: dass der nächste Präsident die Vereinbarungen aus dem Vertrag respektiert. Er sagt: „In unserer Kindheit bekamen wir zuerst ein Gewehr, keinen Fußball. Wir wollen, dass sich diese Realität für unsere Kinder ändert.“ (TT, dpa)


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