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Pilzzucht: „Geboren in Ungarn, geerntet in Österreich“

Kaum ein Pilz aus Österreich ist tatsächlich aus Österreich, dabei hätte man hier alles, was es für die Pilzzucht braucht.

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Mark Stüttler ist Pilzzüchter aus Innsbruck. Er kritisiert die EU-Gesetze, die die Schwindelei möglich machen.
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Von Anna Haselwanter

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Innsbruck – Am Anfang stand ein Lkw. Vielmehr: Er steckte auf einem schmalen Waldweg im beschaulichen Pielachtal in Niederösterreich. Die Einsatzkräfte hatten ihre liebe Mühe, den Koloss von der Schotterstraße zu bergen, auf die sich der polnische Fahrer des Sattelschleppers verirrt hatte. Daneben verlief ein Bachbett, der Lkw war voll beladen und drohte dort hinunterzurutschen. „Nach geschlagenen sieben Stunden“, berichtet die Freiwillige Feuerwehr St. Gotthard auf ihrer Website, „war das Gespann schließlich geborgen und ins Tal zurückgebracht.“ So weit, so lokal.

Hätte der Schlepper nicht geladen, was eigentlich aus Österreich stammen sollte: Champignons, „tonnenweise Champignons“, wie das Magazin Dossier berichtete. 54 Zuchtkisten der Schwammerln wurden demnach aus Wallhausen in Sachsen-Anhalt nach Niederösterreich geliefert, die rund vier Tonnen Champignons, die sich aus dieser Menge Zuchtkisten ernten lassen, mit dem Label „100 % aus Österreich“ hier verkauft. Möglich macht dies eine Lücke im EU-Gesetz, wie Mark Stüttler, Inhaber der Tyroler Glückspilze, schon seit Jahren kritisiert. „Kaum ein Pilz aus Österreich ist tatsächlich aus Österreich“, sagt Stüttler. Würde man wahrheitsgetreu mit der Situation umgehen, dann müsste es heißen „geboren in Ungarn, geerntet in Österreich“, sagt der Pilz-Profi. Das Problem betreffe auch viele der heimischen Bio-Marken, die Schwindelei sei aber völlig legal. Denn um als österreichisch durchzugehen, muss der Pilz nur hier geerntet werden, selbst wenn er nur wenige Tage zuvor ins Land gekommen ist.

„Dabei haben wir hier alles, was es für die Pilzzucht braucht. Von den Rohstoffen bis zum Dünger“, sagt Stüttler. Für die Champignon-Zucht etwa brauche es „Stroh, Wasser, Hühner- und Pferdedung, aus dem der Kompost gemacht wird“. Aber: „Im Ausland ist es billiger.“ Kleine Bauern würden zwar versuchen, selbst Pilzsubstrat, also den Nährboden für die Schwammerln, herzustellen, die Großen beziehen es aber aus anderen Ländern. Heißt: „Stroh, Wasser und Dünger sind nicht von hier“, sagt Stüttler. „Am Ende steht aber Österreich auf der Packung.“ Neben der Etikettenschwindelei kritisiert Stüttler aber auch einen weiteren Punkt: Die Ware werde per Lkw quer durch Europa gekarrt. „Wenn ich sechs Gewächshäuser habe, werden jede Woche 24 Tonnen Kompost aus Ungarn, Holland oder Polen geliefert“, sagt er. Hinzu komme etwa ein Drittel an Deckerde. „Das sind 32 Tonnen Gewicht für sechs Tonnen Frischpilz. Wenn wir also nachhaltig denken, kann der Holländer gleich den Frischpilz schicken, das wäre billiger, nur: Dann kann man nicht mehr Österreich draufschreiben.“

Fair ist die Praxis den Kunden gegenüber zwar nicht, billiger produziert aber allemal, und solange das Gesetz so ist, werden die Großen das auch weiter so machen, glaubt Stüttler – auch wenn es durchaus anders ginge.


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