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Fürstentum in der Nordsee trotzt London und Corona

Der Verkauf von Adelstiteln finanziert den selbst erklärten Staat „Sealand“, der auf einer alten Militärplattform schaltet und waltet.

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Ingenieur Michael Barrington auf der Schaukel, die ihn auf die Sealand-Plattform zieht.
© AFP/Malpas

London –„Wir haben null Covid-Fälle in Sealand“, sagt Liam Bates stolz. „Ich denke, wir sind eines der wenigen Länder der Welt, die das derzeit von sich behaupten können.“ Bei dem von der Pandemie verschonten „Staat“ handelt es sich um eine alte Militärplattform in der Nordsee, die eine britische Familie vor 54 Jahren zum unabhängigen Fürstentum erklärte. Seither trotzt sie den Londoner Behörden – und seit Jüngstem dem Coronavirus.

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Der Weg nach Sealand ist mühsam. Elf Kilometer mit dem Boot von der südostenglischen Küste, dann werden Besucher – mit negativem Corona-Test in der Tasche – auf einer Art Schaukel nach oben gezogen. Zwei riesige hohle Betontürme tragen die Plattform, die das britische Militär zur Flugabwehr im Zweiten Weltkrieg errichtet hat.

Eigentlich sollte sie nach Kriegsende abgerissen werden, weil sie sich außerhalb britischer Hoheitsgewässer befand. Doch als das nicht geschah, besetzte Bates’ Großvater Roy, Geschäftsmann und Betreiber eines Piratensenders, die Plattform. 1967 rief er das Fürstentum Sealand aus – mit eigener Verfassung, Flagge und Hymne. Besucher bekommen als Erstes einen Stempel in ihren Pass.

Oben angekommen, wirkt die windgepeitschte Plattform wie ein Schiff mit neuem Deck und einem ordentlichen Lager mit Werkzeug, Farben und Hot-Dog-Dosen. In der Küche stehen Topfpflanzen und Porzellanteller, die Zimmer sind mit Tapeten, Teppichen und Büchern ausgestattet.

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Liam Bates ist 33 Jahre alt und einer der Prinzen von Sealand. Er kümmert sich ums Tagesgeschäft, während sein älterer Bruder James das Fischerei- und Konservenunternehmen der Familie leitet.

Sealand hält sich mit dem Verkauf von Adelstiteln über Wasser. Der Handel läuft online über die Website. Für 29,99 Pfund (35,03 Euro) ist ein „Lord of Sealand“ zu haben, der Herzogstitel ist mit 499,99 Pfund deutlich teurer. Der Handel laufe gut, sagt Liam. „Gut genug, um Sealand zu unterhalten, und das ist richtig teuer.“

Sealand zahlt keine Steuern an den britischen Staat. Es gehe um „Freiheit von allem“, sagt Liam. „Von Religion, Meinungen, jeder Art von Leitlinien.“ Dennoch statten die Bates’ ihrem Fürstentum nur ab und zu einen Besuch ab.

Ingenieur Joe Hamill und Michael Barrington, Leiter der Abteilung Innere Sicherheit auf Sealand, warten die Plattform in zweiwöchigen Schichten. Während des Lockdowns verbrachte Hamill freiwillig elf Wochen am Stück auf hoher See. „Das war echte Isolation“, sagt der 58-Jährige. „Ich glaube, mein geistiger Zustand hat dabei etwas gelitten.“

Zumindest ist Sealand heute deutlich komfortabler als vor 50 Jahren. Windturbinen und Sonnenkollektoren haben die alten Dieselgeneratoren ersetzt, von denen einer 2012 ein verheerendes Feuer auslöste. In den Betontürmen gibt es eine Kapelle für alle Religionen, einen Freizeitraum mit Billardtisch und Fitnessgeräten sowie ein Besprechungszimmer samt Whiteboard. Einige Räume liegen unter der Wasseroberfläche, das Schlagen der Wellen gegen die Mauern ist deutlich zu hören.

Anfang der 2000er-Jahre installierte ein US-Unternehmen auf Sealand eine große Serveranlage. Teile des gescheiterten Vorhabens sind noch zu sehen. Es sei „Teil unserer nationalen Geschichte“, sagt Liam Bates.

Eine kleine Gefängniszelle mit eisernem Bettgestell ist ein weiterer Teil. Sie beherbergte einst den einzigen Gefangenen des Staates: 1978, während des „großen Putsches von Sealand“. Nach einem Streit mit Roy Bates schickte ein deutscher Geschäftsmann Söldner, um die Plattform zu stürmen. Roy Bates und sein Sohn Michael eroberten Sealand im Morgengrauen mit einem Hubschrauber zurück und hielten den Anwalt des Geschäftsmannes fest. Der „Putsch“ war nicht der einzige gewalttätige Zwischenfall in der Geschichte des Fürstentums. 1968 wurden Roy und Michael Bates wegen Waffendelikten angeklagt, nachdem sie auf vorbeifahrende Schiffe geschossen hatten. Liam Bates weiß auch mit Waffen umzugehen. Das habe ihm sein Vater Michael beigebracht. „Wir können uns schützen“, sagt er.

Die britischen Behörden lassen die selbst ernannten Fürsten in ihrer von keinem Land anerkannten Mikronation gewähren. Seit 1987 liegt die Plattform offiziell in britischem Gewässer, dennoch versucht London nicht aktiv, sie zurückzuerhalten. „Ich glaube, sie tun so, als gäbe es uns nicht, und hoffen, dass wir eines Tages zusammenpacken und gehen“, sagt Liam Bates. „Was natürlich nie passieren wird.“ (TT, APA, AFP)


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