Trotz hoher Corona-Inzidenz geht die Schweiz nicht in den Lockdown

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Bei vergleichbarer Impfquote und Problemen in den Spitälern fährt die Schweizer Regierung weiterhin einen „wirtschaftsfreundlichen Kurs“.
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Bern – Im Zuge der Diskussion um die Beendigung des Lockdowns letzte Woche ließ eine Bemerkung des Vorarlberger Landeshauptmannes aufhorchen. In einem Interview meinte Markus Wallner – sinngemäß –, dass es Vorarlberg nicht interessiere, was man in Wien macht. Vorarlberg müsse sich eher an der Bodensee-Region orientieren. Was Wallner damit gemeint haben dürfte, der Blick im Ländle geht eher in Richtung Schweiz. Und dabei fällt vor allem eines auf: Unser Nachbar hat weniger Intensivbetten als Österreich und die medizinische Versorgung ist bereits am Anschlag. Vereinzelt finden in Schweizer Krankenhäusern – wie Schweizer Medien berichten – bereits Triagen statt. Ärzte müssen also entscheiden, wer noch eine intensivmedizinische Behandlung erhält. Die Impfquote ist mit der Österreichs fast ident. Trotzdem verhängt die Schweiz vergleichsweise „milde“ Maßnahmen.

Wie Manfred Schmid, Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich in Zürich, auf Anfrage der bestätigte, sei ein Lockdown des Handels, der Hotellerie oder der Gastronomie auch derzeit nicht gewollt und werde auch kaum medial eingefordert. Auch die Schweizer Skigebiete werden, so wie auch im gesamten vergangenen Jahr – mit einer kurzen Ausnahme im Frühjahr –, wieder geöffnet haben. Für Restaurants, Clubs und Fitnesscenter gilt seit 6. Dezember eine 2-G-Beschränkung und der Konsum von Speisen und Getränken darf nur im Sitzen stattfinden. Weiters wurde die Maskenpflicht verschärft und bei der Einreise in die Schweiz muss seit 6. Dezember ein negativer PCR-Test vorgelegt werden. Ein Zugeständnis gab es auch von der Schweizer Seilbahnwirtschaft. Ab dem 18. Dezember sollen große Gondeln nicht mehr ganz gefüllt werden. Diese sollen nur noch zu 70 % ausgelastet werden.

Und die Zahlen scheinen den Schweizern Recht zu geben. So verzeichnete die Schweizer Hotellerie für die Wintersaison 2020/2021 ein für Corona-Verhältnisse vergleichsweise kleines Minus von 26,4 Prozent. Österreichs Tourismus insgesamt verzeichnete quasi einen Totalausfall. Von November 2020 bis April 2021 wurden nur 5,6 Mio. Nächtigungen verbucht – um 90,7 % weniger als im Vorjahr. Allerdings ist der Anteil an Inlandstouristen im Schweizer Wintertourismus höher als hierzulande. Dieser Inlandsmarkt ist bedingt durch die Öffnung der Hotels mit hauseigener Gastronomie nicht weggebrochen und sicherte so eine respektable Auslastung. „Die Inlandstouristen sorgten im Sommer (2020 und 2021) übrigens für eine ausgesprochen gute Sommersaison“, betont Schmid. Der Wegfall internationaler Touristen aus Übersee konnte so zum Gutteil kompensiert werden.

Naturgemäß hat die Schweizer Wirtschaft generell in der Corona-Krise gelitten und der Bund nahm rund 100 Mio. Franken in die Hand, um die Wirtschaft zu stützen. Gemäß einer Mitteilung der Eidgenössischen Zollverwaltung vom 28. Januar 2021 verzeichnete der Außenhandel im Jahr 2020 einen historischen Rückgang. Die Exporte seien um 7,1 % gesunken und die Importe um 11,2 %. Diese Zahlen unterscheiden sich allerdings erheblich von denen, welche das Bundesamt für Statistik Ende Mai 2021 veröffentlichte, welche im Vergleich zu den Vorjahren in etwa konstant geblieben seien.

Grundsätzlich kam die Schweiz aber schneller und stärker wieder aus der Corona-bedingten Krise heraus. Den Grund dafür sieht Schmid darin, dass die Schweiz mit der Krise „pragmatisch“ und nicht „dogmatisch“ umging. „Die Schweiz konnte auch ihr Image bewahren, die Kommunikationsstrategie und die grundsätzlich nicht skandalierende Medien- und Parteilandschaft im Inland trug dazu bei“, meint Schmid. Das Image der Schweiz habe folglich nicht gelitten – wohingegen Tirol (Stichwort Ischgl) geprügelt worden sei. Als Beispiel nennt Schmid Verbier (ein Ski- und Partyhotspot für Engländer und Franzosen). Hier sei die Durchseuchung wie auch im ganzen Kanton Genf im März 2020 merklich höher als in Tirol bzw. Ischgl gewesen. Zeitweise war der Kanton Genf in der Gesundheitsversorgung nahe am Kollaps. Aus Verbier sei ebenfalls das Virus über Europa verteilt worden. Die Schließung sei später erfolgt, Quarantäne habe es keine gegeben.

Welcher Weg nun der „richtige“ war und ist, wird sich erst nach der Krise wirklich beurteilen lassen. Und das dürfte noch dauern. (hu)


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