„House of Gucci“: Breite Vokale in bestem Tuch

Echte Verbrechen, große Gesten und übergroße Figuren: Ridley Scott setzt „House of Gucci“ als glitzernde Farce in Szene, die sich sehr in der eigenen Übertreibung gefällt.

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Hollywoods Who’s who im Look der späten Seventies: Jared Leto, Florence Andrews, Adam Driver, Lady Gaga und Al Pacino (von links) in „House of Gucci“.
© Universal

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Die Mode zelebriert „Häuser“ als teure Konsummarkenwelten der Konzerne. Im Film dagegen sind die „Häuser“ selten so brave Angelegenheiten. Egal, ob es sich dabei um das Kartenhaus von Präsident und Präsidentin Underwood oder um die „Famiglia“ Corleone handelt. Das filmische „House of Gucci“ folgt nun der recht argen „wahren Geschichte“ der italienischen Modedynastie. Man mag sich die Armada von Anwälten gar nicht vorstellen, die die juristischen Feinheiten dieses Projekts verhandeln durften – ein Werbefilm ist Ridley Scotts „House of Gucci“ trotzdem nicht geworden.

Auch Maurizio Gucci ist angehender Jurist. Mit der Branche, in die er als Spross der in die Jahre gekommenen Edelmodemarke hineingeboren wurde, fremdelt er. Damit setzt der Film ein: Mailand 1978. Der verloren geglaubte Sohn der Schneiderdynastie bandelt mit Patrizia Reggiani an. Sie ist zielstrebig, hat Zug zur Macht – und sieht im feschen Erben einen Weg nach oben. Skrupel kann sie sich als Frau im Männer-Business Mode sowieso nicht leisten. Lady Gaga spielt Patrizia mit Gusto – ohne allzu viel Karikatur. Adam Driver – der ab dieser Woche auch in Leos Carax’ Musical „Annette“ in den heimischen Kinos zu erleben ist – verkörpert Maurizio zurückhaltend. Für seine Verhältnisse. Und für diesen Film, in dem alles groß sein will. Um das zunächst recht romantische Paar gruppiert sich Hollywoods Who’s who: Salma Hayek spielt eine sinistre Wahrsagerin, der großartige Jeremy Irons Vater Gucci, Al Pacino Onkel Aldo. Dazu noch ein nicht wiederzuerkennender Jared Leto als halbseidener Bruder Paolo Gucci und Jack Huston – Enkel von Regielegende John Huston. Er spielt den Consigliere des Hauses Gucci. In der englischsprachigen Originalfassung sprechen sie alle mit mehr oder weniger ausgeprägtem italienischen Akzent: Vor allem Jared Leto treibt die „Ähhs“, „Ohhs“ und „Uhhs“ in den Exzess.

📽️ Trailer | „House of Gucci“

Trotzdem: Altmeister Ridley Scott, der mit „House of Gucci“ und immerhin 84 Jahren nach „The Last Duel“ seinen zweiten Kinofilm des Jahres 2021 vorlegt, versteht es, die Manierismen seines Ensembles einzusetzen. „House of Gucci“ ist im Grunde eine edel ausgestattete Parodie von Coppolas „Der Pate“ – und die Präsenz von Al Pacino, Michael Corleone himself, nur das offensichtlichste Indiz.

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Dabei wechselt der Film immer wieder die Tonlage, ist True-Crime-Thriller, emotionales Familienmelodram, überkandidelte Komödie und bisweilen große Oper zugleich. Aber eben nichts davon ganz. Man wünscht sich mehr Mut zum großen Kitsch. Mitunter lässt Scott den entscheidenden Schuss Sex-Appeal und Giftigkeit vermissen, wie ihn etwa die ebenfalls wahre, brutale Unterschichts-Geschichte „I, Tonya“ – über die gefallene Eisprinzessin Tonya Harding – an den Tag legte. In seinen Händen oder denen von Emerald Fennell („Promising Young Woman“) oder Adam McKay („Vice“) wäre wohl auch „House of Gucci“ – der Film basiert auf dem etwas marktschreierischen Bestseller „House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour, and Greed“ von Sara Gay Forden – besser aufgehoben gewesen. Vielleicht brauchen Verbrecher-Geschichten – Maurizio Gucci wurde 1995 Opfer eines Auftragsmordes – aber auch einfach ein gewisses Maß an Dreck und Blut. Oder die Intrigen in und um gutes Tuch etwas mehr Thrill.

Ridley Scott aber inszeniert stattdessen eine glitzernde Italo-Farce, die sich sehr in der eigenen Übertreibung gefällt: breite Vokale, große Gesten, überlebensgroße Figuren in edler Aufmachung und noblem Dekor. Dadurch macht der opulent-dekadente, mehr als zweistündige Rundgang durch das „House of Gucci“ immer noch ordentlich Spaß.


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