Mit entwaffnender Hingabe: Julia Gschnitzer wird 90

Julia Gschnitzer schrieb österreichische Fernseh- und Bühnengeschichte. Morgen Dienstag wird die „Grande Dame“ des Tiroler Theaters 90 Jahre alt.

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Von 2013 bis 2016 spielte Julia Gschnitzer Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen.
© APA/Gindl

Innsbruck – Die Bitte um ein Geburtstagsinterview lehnt Julia Gschnitzer dankend ab. „Das Leben wurde gelebt und alles darüber gesagt – nichts für ungut“, sagt sie. Damit war zu rechnen. Um ihre Person macht Gschnitzer wenig Aufhebens. Sie würde sich bei zu großer Aufmerksamkeit „am liebsten verkriechen“. Das hat die Schauspielerin vor gut fünf Jahren im Vorfeld ihres 85. Geburtstags gesagt. So hält sie es bis heute. Am Dienstag wird Julia Gschnitzer 90 Jahre alt.

Ihr Debüt am Tiroler Landestheater jährt sich heuer zum 70. Mal. Von 1951 bis 1954 war die gebürtige Innsbruckerin hier im Ensemble. 1959 kehrte sie nach Engagements in der Schweiz als Gast zurück. Der Part als Frau von Andreas Hofer in Kranewitters „Andre Hofer“ ermöglichte ihr den Schritt nach Wien. Das Volkstheater wurde bei einem Gastspiel der Produktion auf sie aufmerksam. Gschnitzer wurde vom Fleck weg engagiert, entwickelte sich zur Charakterdarstellerin – und war gut drei Jahrzehnte lang eine der künstlerischen Stützen des Hauses. Einem breiten Publikum bekannt wurde sie durch Axel Cortis Film „Der Fall Jägerstätter“, der – noch so ein Jubiläum – heuer vor 50 Jahren erstmals ausgestrahlt wurde. Kurt Weinzirl spielte den Widerstandskämpfer Karl Jägerstätter, Gschnitzer dessen Frau Franziska. Ein Kapitel österreichische Fernsehgeschichte. Und „Ein echter Wiener geht nicht unter“ sowieso. Gschnitzer verkörperte in Ernst Hinterbergers „Mundl“-Serie die „Frau Vejvoda“.

Seit 1988 trägt Julia Gschnitzer den Ehrentitel Kammerschauspielerin. Als „Grande Dame“ des heimischen Theaters galt sie schon davor. In Wien und später am Salzburger Landestheater spielte sie – mit entwaffnender Hingabe und frei von verkünstelter Attitüde – die großen Partien des Repertoires (von der Marthe im „Zerbrochenen Krug“ bis zu Brechts „Mutter Courage“). In den Sommermonaten sorgte sie auf Tirols Bühnen für Sternstunden: Bei den ersten Tiroler Volksschauspielen zählte Gschnitzer zum illustren Ensemble der „Sieben Todsünden“, später schrieb ihr Felix Mitterer „Mein Ungeheuer“ (2000) und „Die Frau im Auto“ (2007) für die Rittner Sommerspiele auf den Leib. Es folgte Achternbuschs „Ella“ (2006) oder „Beauty Queen“ (2010). Aus der 2011 angekündigten „Gleitpension“ wurde zunächst nichts: Am Landestheater feierte sie mit „Paradiso“ 2011 ihr Bühnenjubiläum. Im weiteren Unruhestand veredelte sie etwa die Theater-praesent-Produktion „Die Memoiren der Sarah Bernhardt“ 2012 zum „Must see“ von Innsbrucks freier Theaterszene. Und im Sommer 2013 heuerte sie als Jedermanns Mutter beim Herzstück der Salzburger Festspiele an. Bis 2016 begleitete sie das Spiel vom Sterben des reichen Mannes – und verabschiedete sich mit einem „Jetzt ist es genug“.

Schon wenig später wurde sie rückfällig. Jedenfalls ein bisschen. Für Film- und Fernsehproduktionen steht sie weiterhin vor der Kamera. Zuletzt etwa für den Krimi „Letzter Gipfel“. Und so ganz ohne Theater geht es auch nicht: Für den „Faust“ am Tiroler Landestheater sprach sie 2017 die „Zueignung“ als Videobotschaft ein. (jole)


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