Tiroler Landestheater: Bei der Italienerin macht’s „bum, bum“

Fulminante musikalische Premiere von Rossinis „L’italiana in Algeri“ in einer witzigen, jedoch konservativen Inszenierung im Landestheater.

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Isabella (Lamia Beuque) verführt Bey Mustafà (Johannes Maria Wimmer), der sich letztlich nach ihr schmachten­d zum Esel macht und reumütig zu seiner Frau zurückkehrt.
© TLT/Birgit Gufler

Von Wolfgang Otter

Innsbruck – Die Handlung ist einfach gestrickt: Lüsterner Macho ist seiner Frau überdrüssig, will eine junge Italienerin ins Bett bringen. Die ist aber nicht nur sexy, sondern hat auch Köpfchen. Sie setzt alle Waffen der Frau ein, macht gleich drei Männer kirre und den Macho Bey Mustafà zum hormongesteuerten Herrscher-Idioten. Dazwischen gibt es etwas Verwirrung. Ja, das war’s.

Als 1813 „L’italiana in Algeri“ (Die Italienerin in Algier) von Gioachino Rossini (Text von Angelo Anelli) in Venedig uraufgeführt wurde, reichten etwas Exotik und erotische Andeutungen aus. 2021 ist das hartgesottenere Publikum nicht so leicht zu unterhalten, mit Ausnahme der genialen Musik Rossinis. Die zieht immer.

In anderen Häusern mutierte die „Italienerin“ sogar zur Sexshow – Modernisierung um jeden Preis heißt die Devise, um abendfüllend zu bestehen. In Innsbruck geht Anette Leistenschneider einen behutsamen, ja fast schon altmodischen, konservativen Weg, auch bei den Kostümen (Michael D. Zimmermann) und dem bunten Bühnenbild (Andreas Becker). Ziel ist es, dem Publikum einen schönen, heiteren und unbeschwerten Abend zu bescheren. In Zeiten wie diesen ein dringend notwendiges Unterfangen. Außerhalb des Theaters gibt es ohnedies Drama genug.

Fair geht Leistenschneider mit den Männern nicht um, aber amüsant. Die von Rossini aufgewertete Rolle der Frau unterstreicht sie zusätzlich und lässt diese den Triumph am Ende richtig auskosten.

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Der triebgesteuerte Mustafà muss seine Peitsche, das Symbol seiner Macht, an seine zuvor geschasste und nun jubelnde Ehefrau abgeben. Leistenschneider bringt mit Slapstick und Gags viel Schwung in den ersten Akt, der dann in weiterer Folge leider etwas verebbt. Da müsste noch etwas kommen – tut es aber nicht. Ja, da würde ein Schuss mehr Modernisierung vielleicht doch ganz guttun.

Trotzdem: Die Premiere am Sonntagabend war ein voller Erfolg. Und dabei stand ein Mann im Mittelpunkt: Dirigent Kerem Hasan. In seinen sicheren Händen liefen die Stränge zusammen, er gab perfekte Tempi vor, die das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck nach einer noch eher verhaltenen Ouvertüre immer selbstbewusster und voller Spielfreude aufgriff. Da saßen die Läufe – und glänzten besonders die Bläser.

Was nützt der beste Dirigent, wenn die Sänger nicht mitkommen? Aber in diese Verlegenheit kam Hasan nicht. Allen voran ist Lamia Beuque als Isabella zu nennen. Sicher rast sie durch Koloraturen, temperamentvoll bringt sie Johannes Maria Wimmer alias Mustafà, Bey von Algier, um den Verstand. Der wiederum lässt seinen Bass kraftvoll strahlen oder nur noch verloren stammeln. Wolfgang Stefan Schwaiger ist schauspielerisch die absolute Top-Besetzung für den tollpatschigen Taddeo. Der gute Mann kann auch singen – und wie! Genauso Theodore Browne als Lindoro, der mit seiner nach Isabella schmachtenden Tenorstimme gefällt. Felicitas Fuchs-Wittekindt weiß als zurückgewiesene Elvira ihren Sopran strahlen zu lassen, ebenso überzeugend Jaime Hartzell als Sklavin Zulma und Christoph Filler als Haly. Ein schwungvoller Chor rundete das alles ab.

Die Verwirrung mündet im Septett „Confusa e stupida“, da machte es im atemberaubenden Tempo „din, din“, „bum, bum“, „kra, kra“ und „tac, tac“ – so etwas wie Dadaismus, komponiert in einer Zeit, in der keiner wusste, was das ist.

Ein Bravo dem Ensemble für die Umsetzung!


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