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Arbeitsminister Kocher im TT-Interview: „Reine Expertenregierung illusorisch“

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) spricht über die Erklärung, die er für Ex-Kanzler Kurz abgegeben hat, und die Turbulenzen in der Partei. Die neue Arbeitslosenversicherung soll im ersten Halbjahr fixiert werden.

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Martin Kocher ist seit Jänner Arbeitsminister – er folgte auf Christine Aschbacher, die wegen der Plagiatsaffäre zurückgetreten ist.
© imago

Sie haben heuer im Jänner das Amt des Arbeitsministers übernommen. Was hat Sie besonders positiv und besonders negativ überrascht in dem Jahr?

Martin Kocher: Ich habe ja ziemlich genau gewusst, was in der Politik los ist. Deshalb gab es jetzt nicht die ganz große Überraschung. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir uns in diesem Jahr vor allem auf die Pandemiebekämpfung, die Folgen am Arbeitsmarkt und andere Vorhaben für die Zukunft konzentrieren können. Niemand hat sich gewünscht, dass es innenpolitisch turbulent wird, aber es war auch klar, dass es passieren könnte in der Politik. Jetzt ist es rascher für mich innenpolitisch turbulenter geworden, als ich das erwartet hatte.

Sie bereuen also nicht, in die Politik gegangen zu sein?

Kocher: Es gibt bessere und schlechtere Tage. Ich habe aber die Entscheidung keinen einzigen Tag bereut, weil ich immer noch glaube, dass man am Arbeitsmarkt etwas Sinnvolles bewegen kann. Auch in der Wissenschaft gibt es schönere und weniger gute Tage.

Der Arbeitsmarkt hat sich vergleichsweise gut erholt – entgegen den Erwartungen. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Kocher: Im Nachhinein lässt es sich gut erklären. Wir waren wirklich überrascht. Es war eine Kombination der von uns gesetzten Maßnahmen, der gesamten Entwicklung, des Umschlages der Stimmung in der gesamten Wirtschaft und bei den Konsumenten. Als Wirtschaftsforscher hätte ich erwartet, dass es länger dauert, bis die Konsumstimmung wieder anspringt. Aber offensichtlich sind die Leute nach Phasen von Lockdowns oder starken Einschränkungen einfach sehr hungrig auf das, was ihnen Spaß macht, und holen das sehr rasch wieder nach. Man sieht, dass mit jedem Lockdown die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen geringer werden. Gerade am Arbeitsmarkt werden sie noch geringer, weil sich der Großteil der Wirtschaft immunisiert hat gegen diese Einschränkungen – etwa die Warenproduktion, der Industriebereich etc. Nur ein Teil ist massiv betroffen und wird immer massiv betroffen sein – etwa körpernahe Dienstleistungen, Tourismus und Gastronomie. In diesen Branchen sieht man die Verwerfungen am Arbeitsmarkt, dass Menschen, die in diesen Branchen arbeiten, die Branche verlassen, weil sie mehr Sicherheit im Job haben wollen.

Stichwort Fachkräftemangel. Was tun Sie dagegen?


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