Die ÖSV-Adler wollen am Innsbrucker Bergisel die Bremsen lösen

Der Heimvorteil am Bergisel soll die ÖSV-Skispringer heute (13.30 Uhr/live ORF 1) in der Qualifikation beflügeln. Stefan Kraft suchte in Seefeld sein verlorenes Sprunggefühl.

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Nach einer bisher ernüchternd verlaufenen Tournee hoffen die ÖSV-Skispringer mit Stefan Kraft (Bild) auf bessere Tage in Innsbruck.
© gepa

Von Benjamin Kiechl

Innsbruck – Schwungvoller Schuss statt aggressiver Absprung, Daube statt Telemark. Die ÖSV-Skispringer nutzten gestern am Tournee-Ruhetag das Eisstockschießen in Seefeld zum Frustabbau. Die Sonnenstrahlen waren dabei wie Balsam auf die Seele von Stefan Kraft und Co. Zwischen den Zeilen war zu vernehmen, dass die Stimmung schon einmal besser war. Unruhe in der Mannschaft oder gar eine mögliche Trainerdiskussion will Mario Stecher im Keim ersticken. „Das Team arbeitet sehr gut“, hielt der sportliche Leiter Nordisch im ÖSV fest.

Die Wettkampfschwäche der ÖSV-Skispringer wurde bei der Tournee schonungslos aufgedeckt. Positive Ausnahme war Jan Hörl als Fünfter in Garmisch. „Die Tournee war bisher eine Enttäuschung, das können wir nicht leugnen“, sagte Stecher. „Im Wettkampf wollen die Athleten ein Schäuferl zulegen, und der Schuss geht derzeit nach hinten los.“

Heute (13.30 Uhr/live ORF 1) sind die Österreicher auf der Heimschanze Bergisel gefordert. Auch ohne Fans soll die vertraute Kulisse beflügeln, zudem gibt es Verstärkung durch die nationale Gruppe, u. a. mit den Tirolern Elias Medwed, Clemens Aigner und Thomas Lackner.

„Die Heimschanzen kommen genau richtig“, betonte Kraft. „Am Bergisel haben wir schon vor der Tournee gut trainiert, das gibt ein gutes Gefühl. Dort und Bischofshofen – das sind zwei Schanzen, die ich sehr gerne mag“, erzählte der 28-Jährige, der nach seinem Absturz in der Garmisch-Qualifikation „den Kopf nicht in den Sand stecken“ will.

Langlaufen in Leutasch und die Darts-WM schauen waren eine willkommene Ablenkung zum Video-Studium seiner Sprünge. Gestern ging es zum Extra-Training auf die 70-Meter-Schanze in Seefeld. „Auf so einer kleinen Schanze bin ich schon länger nicht mehr gesprungen“, verriet Kraft im Anschluss an seine Einheit. Auf diesem Bakken würden sonst eher Schüler- und Austria-Cup-Springen stattfinden, für ihn sei es diesmal aber genau richtig gewesen. „Damit ich wieder meine Sachen spüre, die ich tue. Das war nicht der Fall in Garmisch. Ich habe schon wieder gemerkt, wenn etwas gut war und wenn nicht. Die Spur gibt bei einer kleinen Schanze etwas zurück, ob Energie drinnen ist oder nicht.“

Cheftrainer Andreas Widhölzl, der vor 22 Jahren selbst zum Tournee-Gesamtsieg sprang, versuchte sich in seine Schützlinge reinzufühlen. „Ich weiß nicht, was bei den Athleten im Kopf vorgeht, wenn sie oben am Balken sitzen. Ich versuche sie vom ergebnisorientierten Denken wegzubringen.“ Im Wettkampf müsse man die Bremsen lösen, alles laufen lassen und „nur nicht zu perfektionistisch sein und eingreifen“.

Noch gar nicht ins Fliegen gekommen sind bei dieser Tournee die Tiroler Manuel Fettner und Philipp Aschenwald. „Bei Fettner wundert es mich selber, bis zum Tournee-Start hat seine Formkurve nach oben gezeigt“, sagte Coach Widhölzl. Derzeit macht ihm auch noch eine Lendenwirbelverletzung zu schaffen. Dem Zillertaler Philipp Aschenwald fehlen nach seiner Augen-OP noch einige Flugmeilen: „Der Herbst ist für uns Skispringer die heilige Zeit. Ich hoffe, dass ich bald wieder zeigen kann, was ich draufhabe.“ In Seefeld werden beim 25-Jährigen beste Erinnerungen an die zwei WM-Silbermedaillen 2019 wach. „Ich habe immer noch die Bilder von den Medaillenfeiern hier bei der Seekirche im Kopf“, verriet der Tiroler, der noch auf den Olympia-Zug aufspringen will.

Jan Hörl ist als Neunter Österreichs Bester in der Tournee-Gesamtwertung. „Nach der Platzierung fragt mich aber im nächsten Jahr keiner mehr, nur die ersten drei zählen.“ Das Eisstockschießen war gestern eine nette Abwechslung, heute geht es wieder auf die Schanze. „Skispringen“, sagte Daniel Huber“, „ist einfach ein cooler Sport, der dich manchmal zum Verzweifeln bringt.“


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