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Einfallslos und voller Klischees: Eine Abrechnung mit der Netflix-Serie „Kitz“

Die neue Netflix-Serie KITZ erzählt die Geschichte eines gespaltenen Kitzbühels. Besonders die Einheimischen werden in ein lächerliches Licht gerückt. Die Kitzbühelerin Mona Marko rechnet in einem Gastbeitrag mit der Serie über ihre Heimatstadt ab.

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Mona Marko

Gastbeitrag

Von Mona Marko

Wenn ich – eine Kitzbühelerin, die in München lebt – nach meiner Herkunft gefragt werde, folgen jedes Mal dieselben Reaktionen. Mein Gegenüber zieht die Augenbrauen hoch, macht große Augen und wirft mit Klischees um sich: „Steht dein Porsche vor der Tür?“, „Wenn du aus Kitzbühel bist, wo bleibt dann dein Pelzmantel?“. Mein ehemaliger Nachbar, der in der Münchner Party-Szene daheim ist, packte bei unserem ersten Kennenlernen über die Balkontrennwand hinweg folgende Anekdote aus: „Wenn man in einem Club hier andere fragt, ob sie mit nach Kitzbühel fahren wollen würden, dann ist das Code-Sprache für: Wollen wir auf’s Klo gehen, um eine Line Koks zu ziehen?“.

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Die 25-jährige Mona Marko schreibt über ihre Heimatstadt Kitzbühel abseits des Jet-Sets und der Champagner-Partys. Sie ist staatlich geprüfte Skilehrerin und studiert im Master an der Deutschen Journalistenschule in München.
© David-Pierce Brill

Zu Beginn meiner Zeit in München haben mich diese Reaktionen verwirrt. Ich kannte diese Seite Kitzbühels nicht – zumindest nicht aus eigener Erfahrung. Außenstehende schienen meinen Heimatort besser zu kennen als ich. Dass Kitzbühel ein Magnet für Superreiche ist, lässt sich nicht abstreiten. Aber den Skiort ausschließlich auf diesen Aspekt, auf Luxus und Extravaganz zu reduzieren, das machen zum einen Menschen, die Kitzbühel nicht wirklich kennen, und neuerdings auch die Netflix-Serie KITZ.

Das sechsteilige Coming-of-Age-Drama, eine deutsch-österreichische Koproduktion, dreht sich um die Sprösslinge der Reichen und Schönen in Kitzbühel und um Einheimische, die diese Welt des Chichis verachten. Besonders die Protagonistin Lisi (Sofie Eifertinger) verabscheut diese Seite ihrer Heimatstadt, gibt ihr die Schuld am Tod ihres Zwillingsbruders Joseph (Felix Mayr) und sinnt nach Rache. Dafür infiltriert sie die Clique der Münchner Influencerin Vanessa (Valerie Huber) und versucht Schritt für Schritt, Intrige für Intrige den Ruf des Models zu ruinieren. Klingt einfallslos? Ist es auch!

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Die Serie nimmt zwar schnell Fahrt auf. Ebenso schnell möchte man sich jedoch unter der Bettdecke verkriechen, weil die Fremdscham in jeder Szene, in jedem der unzähligen Anglizismen, in jeder schauspielerischen (Unter-)Durchschnittlichkeit lauert und dem Ganzen einen fast komödiantischen Einschlag verleiht. Die Darstellung Kitzbühels könnte glatt als Parodie durchgehen: Die Einheimischen tragen allesamt Namen wie Hans, Joseph, Lisi, Hubert oder Schorsch. Dialekt sprechen sie auch – nur halt den falschen. Und Skifahren können sie alle nicht (da hätte man lieber mal zu Doubles greifen sollen). Et voilá. Fertig ist sie, die spöttische Darstellung der Kitzbüheler.

Die ganze Serie hindurch wird das Kitzbühel der Einheimischen mit Naturfarben, Dunkelheit und Monotonie gezeichnet. Die Einheimischen nehmen die Rolle der Grantler ein, der ewig Frustrierten und Abgehängten. Der Neider. Dieser Neid richtet sich gegen die andere Seite Kitzbühels. Die Seite des Glamours, des Überflusses. Ihr Alltag gleicht einem Minenfeld aus Intrigen und Versuchungen, durch das die rich kids mit Champagnerduschen, Koks und Brunch-Partys navigieren. Ihre Villen sind groß, ihr Hunger nach Trüffel und Anerkennung noch größer. Ein Kontrast, der extremer nicht gezeichnet werden hätte können.

Schon in einer der Anfangsszenen wird das Bild von einem chronisch gespaltenen Kitzbühel gezeichnet, dessen Konflikte sich in jedem Lokal, in jeder Ecke des Skiorts austragen. Wie gut das Klischee von bissigen Locals, die ihr Revier gegen Eindringlinge verteidigen, und von aufmüpfigen, arroganten Touristen und Zweitwohnungsbesitzern auch in die Story passen mag: So läuft das nicht in Kitzbühel. Im Kitzbühel der Realität prallen Welten nicht aufeinander, sondern ergänzen sich. Die einzige Rivalität kommt vermutlich auf, wenn es darum geht, wer die ersten Spuren in frische Tiefschneehänge zieht und wer die letzte Cremeschnitte des Tages in der „Usterwies“ ergattert. Im Kitzbühel der Realität ist es die Symbiose aus verschiedenen Welten, die Kitzbühel zu Kitzbühel macht. Oder wie es Joseph zu Lisi gesagt hat: „Ohne sie sind wir bloß irgendein Dorf, irgendwo in den Tiroler Bergen…. Aber mit ihnen sind wir Kitzbühel“.

Zwar reduziert sich die Dichte an Fremdscham-Momenten zum Ende hin und auch die Schauspieler scheinen mit jeder Folge mehr in ihre Rollen hineinzuwachsen, wirken authentischer. Zur vollständigen Versöhnung mit der Serie kommt es dennoch nicht. Da können selbst das ein oder andere Bilderbuch-Lied und die vielen idyllischen Landschaftsaufnahmen nichts mehr gut machen. KITZ ist ein anspruchsloser Zeitvertreib, einer voller Klischees und einer, der uns Kitzbüheler, uns Tiroler im Allgemeinen, nicht gut dastehen lässt. Wenn ich mir in Zukunft wieder jede Menge Koks- und Champagner-Witze anhören darf, dann weiß ich zumindest, woher das rührt.


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