Die stille Epidemie: Amerikas Drogenkrise wütet wie nie zuvor

West Virginia ist das Epizentrum der Opioid-Sucht. Dort bekommen alle die Folgen zu spüren – von Neugeborenen bis zu Urgroßeltern.

  • Artikel
  • Diskussion
In den USA wurden jahrelang selbst für moderate Schmerzen Opioide verschrieben.
© AFP/Fallon

Charleston – Mike Stuart trägt stets eine Brieftasche mit einem Packen Porträtfotos bei sich. „Diese Bilder verfolgen mich nachts“, sagt der frühere Bezirksstaatsanwalt in Charleston, der Hauptstadt des US-Staats West Virginia. Die Fotos zeigen junge Amerikanerinnen und Amerikaner. In diesen Momentaufnahmen scheinen sie vor Lebensfreude zu sprühen. Sie alle sind tot, alle gestorben an einer Überdosis Drogen. West Virginia ist das Epizentrum der Opioid-Epidemie in den USA.

„Es gibt keine Familie, keine Straße, keine Kirche, keine Schule, kein Dorf, keine Stadt, die nicht massiv davon betroffen wären“, sagt er. In den USA stirbt inzwischen ungefähr alle fünf Minuten ein Mensch an einer Überdosis Drogen. Zwischen April 2020 und April 2021 wurden erstmals mehr als 100.000 Todesopfer in einem Jahr verzeichnet, wie die Gesundheitsbehörde CDC kürzlich mitteilte. Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum war das eine Steigerung um mehr als 28 Prozent. Bei einer rund viermal so großen Bevölkerungszahl verzeichneten die USA mehr als 60-mal so viele Drogentote wie etwa Deutschland.

Rund drei von vier dieser Toten in den USA starben an einer Überdosis Opioide. Dazu zählen natürliche Opiate wie Heroin, aber auch synthetische Substanzen wie Oxycodon. In den 1990er-Jahren drängte die inzwischen berüchtigte Firma Purdue Pharma mit ihrem Schmerzmittel Oxycontin auf den Markt – es war der Urknall für die Krise. Purdue gab das Suchtpotenzial von Oxycontin fälschlicherweise als niedrig an.

Verschreibung erfolgt in den USA freizügig

Während Oxycodon in Deutschland unter das Betäubungsmittel- und in Österreich unter das Suchtmittelgesetz fällt, verschrieben Ärzte in den USA die Mittel selbst bei moderaten Schmerzen freizügig. Patienten wurden massenweise abhängig. Wenn sie Oxycodon nach der Behandlung nicht mehr auf Rezept bekamen, besorgten sie es sich oft auf dem Schwarzmarkt, wo sie mit der Zeit auf eine billigere Alternative auswichen: Heroin. Inzwischen strecken Dealer Heroin und andere Drogen häufig mit Fentanyl. Dieses synthetische Opioid ist erheblich stärker als Heroin, was das Risiko einer tödlichen Überdosis noch einmal erhöht.

Jetzt einen von vier Skiurlauben gewinnen

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

In den Jahren nach der Markteinführung der Opioid-Schmerzmittel machten Purdue und andere Pharmakonzerne, aber auch skrupellose Ärzte riesige Gewinne. Purdue wurde vorgeworfen, das Suchtpotenzial verschleiert zu haben. Mehrere Unternehmen mussten sich vor Gericht verantworten – immer noch laufen etliche Klagen. Inzwischen werden Opioide viel restriktiver verschrieben. Die einstige Praxis hat nach Ansicht von Experten aber den Boden für die derzeitige Drogenkrise bereitet, die die USA nicht in den Griff bekommen.

Alle Bevölkerungsgruppen betroffen

„Es gibt keine Bevölkerungsgruppe, die nicht betroffen ist“, sagt Stuart, der heute Partner in einer Anwaltskanzlei in Charleston ist. Schwarze und Weiße, Reiche und Arme – in West Virginia habe die Sucht vor niemandem Halt gemacht. Der Bundesstaat, der zu den ärmsten in den USA zählt, führt die Überdosis-Statistik schon lange an. Nach CDC-Daten kommen in West Virginia mehr als 85 Drogentote auf 100.000 Einwohner.

Eine andere Statistik lässt ebenfalls das Elend erahnen, das Opioide in der Region verursachen: Nach offiziellen Angaben litten in West Virginia 2017 mehr als fünf von 100 Neugeborenen unter Entzugssymptomen, weil die Mutter in der Schwangerschaft Drogen nahm.

Wie die Sucht Familien in West Virginia zerstört, erlebt Joanna Tabit täglich. Die Richterin aus Charleston schätzt, dass sich 70 Prozent ihrer Verfahren inzwischen um Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern drehen. Drogenmissbrauch spiele in den meisten dieser Fälle eine Rolle. Vernachlässigte Kinder würden der Obhut der Eltern entzogen und bei Verwandten oder in Pflegefamilien untergebracht. Angehörige hätten jedoch oft selbst Drogen- oder andere Probleme. Das System der Pflegefamilien in West Virginia sei angesichts der Masse der Fälle völlig überfordert. „Wir haben Urgroßeltern, die Kleinkinder aufziehen“, sagt Tabit. „Es ist tragisch.“

Corona hat Krise noch verschärft

Die Corona-Pandemie hat die Opioid-Krise noch verschärft. 2018 sank die Anzahl tödlicher Überdosierungen in den USA erstmals seit Langem. Doch das Virus machte alle Erfolge zunichte. Das Netz der Hilfs- und Betreuungsangebote ist in den USA ohnehin vergleichsweise dünn – wegen der Pandemie mussten viele Institutionen zeitweise schließen. Süchtige saßen isoliert zu Hause, wenn sie denn eines hatten. Alle öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich auf die Pandemie, die Opioid-Krise verschwand weitgehend aus den Schlagzeilen.

Stacie Archer, die ihren Sohn Joel an die Opioide verloren hat, sagt: „Ich möchte nur, dass unsere Politiker wissen, dass dies weitergeht, dass Familien jeden Tag geliebte Menschen verlieren.“ (TT, dpa)


Kommentieren


Schlagworte