10. Jahrestag von Costa Concordia-Unglück: Kapitän kämpft um Ruf

Es ist eine der größten Katastrophen der Kreuzfahrt-Geschichte: Vor zehn Jahren sank die Costa Concordia, 32 Menschen starben vor der Insel Giglio. Als Schuldiger wurde Kapitän Schettino verurteilt und inhaftiert. Er kämpft noch heute um seinen Ruf.

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Das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia ist 2012 mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der kleinen Insel Giglio verunglückt. Die Tragödie forderte 32 Menschenleben.
© AFP/FILIPPO MONTEFORTE

Giglio – Zehn Jahre nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia mit 32 Toten kämpft der damalige Kapitän Francesco Schettino weiterhin um seinen Ruf. Der unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu 16 Jahren Haft verurteilte Italiener hatte 2018 beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Beschwerde gegen seine Haft eingelegt. Ein Sprecher des Gerichts in Straßburg sagte, dass sich der EGMR womöglich heuer mit dem Fall befassen wird.

Am 13. Jänner 2012 hatte Schettino das Kreuzfahrtschiff mit 4229 Menschen an Bord - 3216 Passagieren und 1013 Crewmitgliedern - vor der Insel Giglio gegen einen Felsen gesteuert. Der Rumpf wurde aufgeschlitzt, das Schiff geriet in eine starke Schräglage und blieb auf einem Felssockel liegen. An Bord befanden sich auch 77 Österreicher, die sich alle retten konnten.

Francesco Schettino sitzt in Rom eine 16-jährige Haftstrafe ab.
© ALBERTO PIZZOLI

Kapitän Schettino geriet nicht nur wegen des missglückten Manövers in die Kritik, sondern auch, weil er das Schiff verließ, noch während die Evakuierung lief. "Fare lo Schettino", den Schettino machen, ist in Italien inzwischen zu einem Synonym geworden für besondere Feigheit.

Sein Anwalt Saverio Senese findet indes, dass Schettino bei den Prozessen in Italien nicht fair behandelt wurde und dass auch der Kapitän ein Opfer sei. Der zum Zeitpunkt des Unglücks 51-Jährige habe als Sündenbock hergehalten. Ein Gericht in Grosseto in der Toskana verurteilte Schettino 2015 zu 16 Jahren Haft, das höchste Gericht in Rom bestätigte das Urteil.

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Wind trieb Concordia gegen die Insel

Die Costa Concordia war am Abend von Civitavecchia nahe Rom aus in See gestochen. Aus Prestigegründen - oder Angeberei - wollte Schettino sie so nah wie möglich an Giglio bringen, um den Hafen zu "grüßen" und den Gästen ein hübsches Fotomotiv zu bieten. Was sonst oft klappte, ging schief: Das fast 300 Meter lange Schiff schrammte unter Wasser einen Felsvorsprung, der schlitzte den Rumpf rund 70 Meter auf.

Wasser strömte ein, das Schiff war schnell manövrierunfähig. Nur weil der Wind die Concordia gegen die Insel trieb, kam das Schiff dort auf einem Unterwassersockel mit starker Schräglage zum Liegen. Hätte der Wind anders geweht, wäre die Concordia aufs offene Meer getrieben und wohl komplett gesunken - mit noch viel schlimmeren Opferzahlen.

Die Passagiere und die Küstenwache wurden eine Dreiviertelstunde lang im Unklaren gelassen. Als Crewmitglieder schon mit Schwimmwesten durch die Gänge liefen, sollten die Reisenden in den Kabinen bleiben und Ruhe bewahren. Erst gegen 22.30 Uhr rief man die Passagiere für die Evakuierung an Deck und meldete den Behörden den Notstand.

© AFP/ANDREAS SOLARO

Das Schiff neigte sich immer mehr, die Lage wurde chaotischer. Manche Passagiere konnten in die Rettungsboote steigen und in den Hafen von Giglio fahren. Andere sprangen ins Wasser und schwammen die etwa 100 Meter an Land. Viele aber waren im Rumpf eingeschlossen.

Unter den Opfern waren viele Senioren, einige Crewmitglieder und auch ein sechsjähriges Mädchen. Einige Tote wurden von Tauchern erst in den Tagen nach dem Unglück gefunden, das 32. und letzte Opfer sogar erst beim Abwracken des Schiffs im August 2014 in Genua. Dorthin war die Concordia in einer aufwendigen Bergungsaktion gebracht worden.

"Gehen Sie an Bord, verdammt noch mal!"

Neben der Trauer rückte schnell die Schuldfrage um Kapitän Schettino in den Fokus. Der damals 51-Jährige wurde vor allem dafür kritisiert, das Schiff noch während der Evakuierung verlassen zu haben. Nachdem Schettino mit einem Rettungsboot auf eine Mole gelangt war, forderte ihn der Einsatzleiter der Küstenwache am Telefon zur Rückkehr auf. "Gehen Sie an Bord, verdammt noch mal!", brüllte Gregorio de Falco.

Die Aufzeichnung des Telefonats zementierte das Bild eines Kapitäns, der einerseits Großmaul und Frauenheld war, andererseits aber ein Feigling. Letztlich war Schettino der einzige, der ins Gefängnis musste. Unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung wurde er im Februar 2015 in Grosseto in der Toskana zu 16 Jahren Haft verurteilt. Ein Berufungsgericht und auch das höchste italienische Gericht in Rom bestätigten später das Urteil. (TT.com, APA, dpa)


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